Die Aufdeckung meines Missbrauchs

Die Geschichte von der Aufdeckung meines Missbrauchs begann vor vielen, vielen Jahren. Ihr Ursprung liegt in meiner Suche nach den Ursachen für mein Tourette-Syndrom, dass ich etwa seit meinem sechsten Lebensjahr habe. Als Jugendlicher fielen mir meine vielen motorischen und vokalen Tics zunehmend unangenehm auf. Nicht nur, dass ich ziemlich auffällig war, was ich überhaupt nicht mochte, sondern ich hatte auch sehr unter den diversen Hänseleien und Nachäffereien durch Mitschüler und andere Gleichaltrige zu leiden. Ich fragte mich in größeren Abständen immer wieder mal, warum ich so war, wie ich war, und was ich dafür konnte. 1986 verbrachte ich zum zweiten Mal nach 1983 einen elfwöchigen stationären Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik in Bad Zwesten. Ich war 18 Jahre alt. Dort wurde letztendlich die Diagnose „Tourette-Syndrom“ gestellt, was mir in der Zeit nicht wirklich weiter half. Meine Andersartigkeit hatte jetzt zwar einen Namen, und ich wusste, dass ich an einer seltsamen Krankheit litt, aber Erleichterung verschaffte mir das nicht. In der Folgezeit war ich bemüht, erwachsen zu werden und setzte mich viel mit meinem Vater und unserer gemeinsamen Beziehung auseinander.

Nach dem Abitur und einem Jahr Pause im Anschluss daran meldete ich mich mit 20 Jahren für das Studium der Sozialarbeit auf der Gesamthochschule in Kassel an. Ich war voller Neugier und Tatendrang und entdeckte nach einem intensiven Start trotz anfänglicher Zurückhaltung und diverser Ängste, dass ich mit den anderen KommilitonInnen gut mithalten konnte. Ich öffnete mich immer mehr und nach wenigen Semestern lernte ich durch die direkte und anhaltende Auseinandersetzung mit behinderten Studierenden, die in meinem Fachbereich zahlreich vertreten waren, dass ich selbst auch behindert war.

Ein behinderter Mann, mit dem ich gut befreundet war, fragte mich eines Tages, ob ich auch behindert sei. Ich verneinte seine Frage mit der ergänzenden Erklärung, dass ich so eine Art psychische Erkrankung hätte, aber genaueres könnte ich ihm auch nicht sagen. Er fragte zurück, wieso ich dann nicht sagen würde, ich sei behindert – schließlich würde ich doch auch mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, wie all die anderen behinderten StudentInnen hier auf dem Campus. Da begriff ich, dass Behinderung kein individuelles, persönliches Schicksal war, sondern eine Frage der Diskriminierung und diese eine sehr weit reichende, gesellschaftspolitische Dimension besaß.

Zumindest begann ich von nun an, mich ebenfalls als behinderter Mann zu begreifen und lebte mit dieser neu gewonnenen Identität und diesem Bewusstseinswandel ziemlich auf. Ich fühlte mich in der „Familie behinderter Studierender“ zunehmend wohler, wurde aufmerksamer und wachsamer für die Dinge, die um mich herum und in der Welt passierten und fing an, mich behindertenpolitisch zu engagieren. Gleichzeitig begann ich, aufmerksamer für geschlechtsspezifische Fragen zu werden und setzte mich verstärkt mit den unterschiedlichen Sozialisationsformen von Frauen und Männern auseinander. Auch fing ich langsam an, mein eigenes Mannsein und meine eigene Männerrolle zu hinterfragen.

Im Spätsommer 1989 konnte ich plötzlich nicht mehr gut schlafen. Einschlafschwierigkeiten und Schlafstörungen hatte ich schon immer gehabt, aber auf einmal konnte ich erst gegen drei oder vier Uhr nachts einschlafen. Solange lag ich wach und grübelte, was das Zeug hielt. Das ging auch während des Semesterbeginns im Herbst weiter. Morgens war ich todmüde, aber ich ging weiter brav zu Uni, ohne zu wissen, warum ich auf einmal nicht mehr schlafen konnte. Manchmal schlief ich nur noch 2 bis 3 Stunden pro Nacht, bevor am nächsten Morgen die Seminare wieder losgingen. Es kam sogar vor, dass ich während der Seminare einschlief, so kaputt war ich mittlerweile nach fast sechs Monaten anhaltendem, massivem Schlafdefizit. In diesem vierten Semester schloss ich mich dann auch einer studentischen Männergruppe an, die sich einmal wöchentlich traf, um über männerrelevante Themen zu diskutieren. Ich wollte mehr über mich als Mann herausfinden und mich mit anderen Männern und ihren Gedanken stärker austauschen, aber auch auseinandersetzen.

Ende Januar saß ich eines Abends zuhause und überlegte mir mal wieder, warum ich so war, wie ich war, warum ich dieses Scheiß-Tourette hatte, und warum das Leben überhaupt so beschissen zu mir war. Natürlich fand ich keine Erklärung. Ich bot mir selbst verschiedene Erklärungen für mein Tourette-Syndrom an: Kindesentführung durch irgendwelche Verbrecher, Schläge und Prügel von meinen Eltern, sexueller Missbrauch, das Vertauscht-worden-sein im Babybettchen, die großen Umstellungen, als wir nach Afghanistan zogen, und anderes mehr. So schnell diese Ideen kamen, so schnell verwarf ich sie auch wieder. Ich blieb unzufrieden mit mir und schlief auch in dieser Nacht erst in den frühen Morgenstunden ein.

Drei Wochen später passierte es dann: Es war Dienstagabend, der 22. Februar 1990, genau eine Woche nach meinem 22. Geburtstag. Früh abends war ich noch in der Männergruppe gewesen. Es war zu einem heftigen Konflikt gekommen. Während sich einige andere Männer dafür ausgesprochen hatten, neue Bewerber für die Gruppe schon nach einer Vorstellung vor den anwesenden Männern der Gruppe aufzunehmen, wollte ich erreichen, dass neue Männer erst dann in die Gruppe aufgenommen würden, wenn alle teilnehmenden Männer die Chance gehabt hatten, die neuen Bewerber kennen zu lernen. Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu, und einige Männer forderten eine Kampfabstimmung. Ich sagte, ich könne aus persönlichen Gründen keine Kompromisse machen und würde die Gruppe verlassen, wenn die Meinung der meisten anderen Männer mittels Abstimmung durchgesetzt würde. Bei der folgenden Abstimmung verlor ich natürlich und entschied mich darauf hin, die Gruppe zu verlassen. Einige Männer bedauerten das, am meisten wohl ich selbst.

Ich hatte immer das Gefühl, wenn nicht alle Männer bei der Entscheidung, neue Männer aufzunehmen, beteiligt würden, sei das unfair, weil meiner Meinung nach jeder mitbestimmen sollte. Ich empfand es als einen Machtbissbrauch, über die Köpfe anderer hinweg zu entscheiden. Irgendwie musste ich den ganzen Abend daran denken und dass ich von nun an kein Teil der Gruppe mehr war. Dennoch war ich stolz darauf, meine Position nicht aufgegeben zu haben und konsequent gewesen zu sein. Ich fuhr mit sehr gemischten Gefühlen nach Hause. Spät abends saß ich noch vor dem Fernseher, aber die bunten Bilder konnten mich nicht wirklich ablenken. Meine Gedanken kreisten nach wie vor um unseren Konflikt in der Männergruppe. Langsam wurde ich traurig und melancholisch.

Auf einmal war ich wieder bei meinem allgemeinen Weltschmerz angelangt: Warum nur war der Abend so blöd verlaufen? Warum hatte ich es immer so schwer? Warum hatte ich keine Freundin? Anstatt dessen hatte ausgerechnet ich dieses verdammte Tourette-Syndrom! Und warum? Über diese Gedanken kam ich wieder zu den Theorien, die ich bereits drei Wochen zuvor schon einmal ergründet hatte. Ich überlegte wieder: War ich vielleicht als Kind entführt worden? Nein, das hätten mir meine Eltern erzählt. Schläge und Prügel? Daran müsste ich mich ja eigentlich erinnern. Bis auf einige wenige Ohrfeigen war da nie etwas. Und sexueller Missbrauch? Ich hatte gehört, dass man so etwas gut verdrängen kann, sich oft jahrelang nicht erinnert. Aber ausgerechnet ich? Das konnte nicht sein! Und wenn, wer sollte es denn gewesen sein? Mein Vater etwa? Oder meine Großeltern?
Eigentlich kam dafür niemand in Frage, auch mein Vater nicht, obwohl: Er war immer der einzige aus unserer Familie gewesen, mit dem ich mich nicht verstanden hatte. Er hatte so eine komische Beziehung zu Sexualität, war sehr verklemmt, machte komische Witze darüber und anzügliche Bemerkungen. Aber reichte das? Ich erinnerte mich daran, wie er Aufklärungsfragen aus dem Weg gegangen war. Warum hatte ich als Kind Angst gehabt, dass er ins Gefängnis muss? Warum hatte ich überhaupt Angst vor ihm, mochte persönliche und intime Dinge nicht mit ihm besprechen? Warum wollte ich, dass insbesondere immer er anklopft, bevor er in mein Zimmer kam? Warum reagierte ich überhaupt aggressiv auf ihn, warum mochte ich ihn nicht, warum war da kaum was, was uns im Positiven miteinander verband? Er mochte mein Tourette nicht, ich mochte ihn nicht. Gab es da einen Zusammenhang?

Ich bekam Angst. Sollte es doch sexueller Missbrauch gewesen sein? Und war er der Täter? Einiges sprach ja doch dafür… Einerseits sah er sich Porno-Hefte an, die er zu verstecken suchte und andererseits las er auch Magazine und andere Sachen, die offen rum lagen. Er sammelte Magazine mit jungen Frauen und war leidenschaftlicher FKK-Fan. Er besaß FKK-Hefte, wo fast ausschließlich kleine Mädchen und junge Frauen auf den Fotos abgebildet waren. Als ich einmal als kleiner Junge seinen Schwanz angefasst hatte, war er peinlich berührt und verbot mir das strikt. Einmal fragte ich ihn, was eine Totaloperation sei. Er lachte komisch und meinte, ich solle meine Mutter fragen. Sofort wusste ich, dass es etwas mit Sexualität zu tun haben musste. Alles was mit meinem Körper, meinem Erwachsenwerden zu tun hatte, wollte ich auf keinem Fall ihm anvertrauen, ich spürte immer nur den Wusch nach ausgiebiger Distanz.

Auch sonst übertrat er immer nur Grenzen, hatte keinerlei menschliches Feingefühl, keinen Takt, kein Empfinden für zu große Nähe oder Distanz, kein Gefühl für Feinheiten. Er war seit Jahren ausgeprägter Alkoholiker. Er war derjenige gewesen, der damals ein gemeinsames Gespräch mit mir und meinem Psychologen abgelehnt hatte. Wovor hatte er Angst gehabt? Und warum war es ausgerechnet ihm peinlich, wenn ich in der Öffentlichkeit heftige Tics hatte? Hatte er Angst, dass ich ihn verraten könnte? Da musste es irgendwo Zusammenhänge geben…

An diesem Abend überprüfte ich jedes verdammte Detail meines Lebens, dass mir zu dem Thema „sexueller Missbrauch“ passend erschien, und ich stellte fest, dass sie sich alle dort einordnen ließen. Es gab nichts, was nicht zu passen schien. Natürlich zweifelte ich noch immer: War er das gewesen? War er der Täter? Ausgerechnet er? Und dann auch noch sexueller Missbrauch? Aber es passte alles, es passte einfach alles zusammen. Ich bekam immer mehr Gewissheit.

Auch meine Tics sprachen hier Bände: Das Ausschlagen der Arme als Geh-weg-und-fass-mich-nicht-an-Geste, meine koprolalen Wortkombinationen wie „Arschloch“ oder „Arsch-Ficken“ machten für mich auf einmal Sinn. Auch war sowohl mir als auch ihm irgendwann aufgefallen, dass ich immer „Arschloch, Arschloch“ brüllte, wenn er in das Zimmer kam, in dem auch ich mich aufhielt. Er regte sich ziemlich drüber auf, damals. Irgendwie muss er sich wohl doch angesprochen gefühlt haben.

Aber auch meine Träume gewannen plötzlich an besonderer Bedeutung: Als Kind hatte ich oft davon geträumt, vor einem schwarzen Hund zu fliehen, ohne wirklich fliehen zu können. Nachts hatte ich als kleines Kind jahrelang Angst, ein großer Bär würde mich auffressen, der in meiner Bettkommode lauerte und nur darauf wartete, dass ich einschlafen würde. Ich hatte Träume, in denen mir jemand zwischen die Beine greift. Und dieser Griff fühlte sich immer furchtbar unangenehm, ja, geradezu hochnotpeinlich und erregend zugleich an: Ich wollte ihm immer entfliehen und konnte es irgendwie nicht, wollte, dass die Hand weggenommen wird, aber auch, dass sie bleibt und weitermacht – ein total ambivalentes Gefühl. Diesen Hand-Traum hatte ich nicht so oft, aber regelmäßig. Danach fühlte ich mich immer schrecklich.

In der Nacht gelangte ich zu der Überzeugung, dass mich mein Vater als Kind sexuell missbraucht haben musste, vielleicht sogar über Jahre hinweg. Auch dafür, dass ich mich an nichts erinnern konnte, fand ich eine Erklärung: Vielleicht hatte der Missbrauch ausschließlich zwischen meinem ersten und sechsten Lebensjahr stattgefunden, in der Zeit, an die ich mich kaum erinnern kann. Vielleicht dauerten die Übergriffe aber auch nur bis zur Geburt meines Bruders, als ich zweieinhalb Jahre alt war, weil wir uns ab dann ein Zimmer teilen mussten und mein Vater meinen Bruder wahrscheinlich nicht wecken wollte.

Auf einmal wurde mir aber klar, warum ich fast ein dreiviertel Jahr zuvor kaum noch schlafen konnte. Meine Seele war rast- und ruhelos geworden, mein Körper und das Tourette immer angespannter. Ich konnte nicht mehr schlafen, weil ich grübeln musste, und weil ich auch Angst hatte, es könne mir wieder etwas passieren, wenn ich schlafe und wehrlos dabei bin, so wie früher. Auch der Missbrauch fand wohl meistens nachts statt, wenn alle schliefen. Und ich hatte Angst, wieder so wehrlos zu sein, wenn ich nur einschlafen würde. Vor dem totalen körperlichen Zusammenbruch aufgrund des großen und lang anhaltenden Schlafdefizits kam zum Glück der Abend der Aufdeckung. Von da an schlief ich wieder viel besser.

Viele Fragen blieben in dieser Nacht offen, vieles war für mich nach wie vor unklar, ja, unvorstellbar, aber eines spürte ich ganz deutlich: Ein ganz, ganz großes Gefühl der Erleichterung! Ich war so erleichtert, weil ich wusste, damit ein ganz wesentliches Puzzlestück zur Vervollständigung des Bildes von meinem Leben gefunden zu haben. Und ich war so glücklich darüber, dass ich dieses Puzzlestück selbst gefunden hatte!

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