Schreiben als Leidenschaft

Im Herbst 2013 knüpfte ich Kontakt zu einem Journalisten, der für ein Buchprojekt auf der Suche nach Menschen mit Tourette-Syndrom war.  In dem Buch sollten Menschen mit Behinderungen portraitiert werden, aber nicht mit dem Themenschwerpunkt "Behinderung", sondern mit der Bitte: Zeig mir Deine Leidenschaften! Das fand ich sehr spannend und bezüglich meiner Leidenschaften musste ich auch nicht lang überlegen, klar: Es war das Schreiben.

Kurz vor Weihnachten kam er dann mit einem Fotografen zu mir. Es entstanden spannende Bilder und ein längeres vertrautes Gespräch, in dem ich ihm einiges von mir erzählte. Während des Jahres 2014 wurde das Projekt dann nach und nach fertig gestellt, und wiederum kurz vor Weihnachten wurde dann das Buch "Leidenschaft - Geschichten vom Leben mit Behinderung" veröffentlicht. Was der Journalist Eric Brandmayer zusammen mit dem Fotografen Marc Geschonke daraus gemacht hat, das erfahrt ihr in dem nachfolgenden Abschnitt. Sätze in wörtlicher Rede sind bei mir - anders als im Original-Buch - blau dargestellt. Tipp: Folgt erst der linken Spalte bis ganz nach unten, dann die rechte Spalte. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen!

Foto mit Einleitungstext: Ich stecke meinen Kopf schreiend durch ein Plakat, auf dem einige sexuelle Begriffe und Schimpfwörter stehen.

Es begann mit etwa drei Jahren, als seine Mutter die ersten Tics bemerkte. Es war ein einzelnes Blinzeln der Augen. Doch ein Wort verlor sie nicht darüber. Im Alter von sechs streckte Lothar seinem Vater immer und immer wieder die Zunge raus, ohne es unterlassen zu können. Da merkte er, dass er manche Bewegungen seines noch jungen Körpers nicht unterbinden kann. Ein Teil seines fröhlichen Gesichtes verzieht sich zu einer Grimasse, doch sein Mund lächelt, wenn er jetzt davon spricht.

Immer heftiger

Im Laufe der Jahre werden die Tics immer stärker, immer lauter. Lothar schreit vulgäre Ausdrücke, wo er sich gerade aufhält: In der Schule, später in der Universität oder auch draußen im Park, wo sich die Leute über den komischen Mann wundern, der sich so gar nicht im Griff zu haben scheint.

Lothar wird gemieden. Als Teenager muss er sogar umziehen, als der Vermieter zu viele Beschwerden wegen Ruhestörung bekommt. Mit Anfang 20 stellt sich Lothar immer wieder dieselben Fragen: „Wieso ich? Wieso habe ausgerechnet ich diese Tics? Lag es an meinem Zuhause?“ Das konnte er sich nie vorstellen. Er liebte seine Eltern.

 

Kraft zieht er aus der Liebe seiner Mutter – und dem Schreiben von Gedichten und anderen Texten. Schon im Teenageralter erkannte er, dass er das Texten als Ventil nutzen kann. „Angefangen habe ich in der Schule während des Unterrichts, wenn mir langweilig war. Da noch auf die sarkastische Art, später wurden meine Texte ernster“, erklärt Lothar.
Er nennt sich selbst „Schreibmaus“: „Wenn es Leseratten gibt, dann muss es doch auch Schreibmäuse geben“. Als Student schrieb er fast jeden Tag Texte. In dieser Zeit lernt er auch mit dem Tourette umzugehen. Kommilitonen mit Behinderungen sagten zu ihm: „Du bist einer von uns. Du bist anders. Du wirst gehänselt von allen anderen. Du hast eine Behinderung – so wie wir.“

Das war Lothar davor nicht klar. Doch diese Akzeptanz half ihm, sein Tourette nicht mehr als Feind, sondern als Freund anzusehen. „Es ist mein Tourette. Es gehört ganz alleine mir. Es ist einzigartig“, sagt er und fügt mit einer weiteren Verrenkung hinzu: „Pissen, Wichsen, Arschloch!“

Lothar als Buchautor

Vor etwa neun Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch „Wortlust“. Neben Gedichten sind dort auch Kurzgeschichten abgedruckt.

"Du bist einer von uns."

Doch immer mehr Indizien sprachen dafür, dass sein Vater ihn sexuell missbraucht hatte. „Auf einmal machte alles einen Sinn“, so Lothar.

„Die Verklemmtheit meines Vaters, die abfälligen Sprüche über Frauen und der viele Alkohol: Alles waren so kleine Indizien, die dazu führten, dass eine Rekonstruktion der Ereignisse möglich war.“ Dann kam alles hoch: Wut und Hass, aber auch Erleichterung, dass Lothar endlich eine Vorstellung hatte, wieso er die Tics hatte. Sie waren eine Art Geheimsprache, standen für die Wut und die Verzweiflung über den Missbrauch, den körperlichen und seelischen Schmerz. „Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was geschehen ist“. Lothar spricht offen und ohne Hemmungen über diese Zeit, die sein Gehirn scheinbar verdrängt hat. Konfrontiert hat er seinen Vater nie – aus Angst. Angst davor, dass sein Vater alles abstreitet. Angst davor, dass er es selbst wieder verdrängt und sich selbst nicht mehr glaubt.

 

Lothar liebt es zu schreiben. Auf seiner Website kann sich jeder, der es will, über ihn und sein Leben informieren. Auch Postkarten und Bilder aus Kindertagen sind dort für jeden zugänglich. „Ich habe gerne meinen Großeltern und meiner Tante geschrieben. Meine Schwägerin hat diese Briefe dankenswerterweise eingescannt“, erklärt Lothar.

Auch wenn der Computer sein Tor ist, der Welt zu zeigen, wie er ist: Lothar schreibt seine Texte weiterhin handschriftlich in ein kleines Büchlein. „Ich setze mich in aller Ruhe im Schneidersitz auf meine Couch im Wohnzimmer und lasse meine Gedanken schweifen. So bin ich ganz entspannt und kann mich auf das Schreiben konzentrieren.“ Manchmal macht er dabei Musik an, vor allem aus exotischen Ländern wie Peru oder Nepal. „Diese Musik bringt mir meine Mutter von ihren Reisen mit.“ Aber auch eine Tim Bendzko-CD liegt in seiner großen Musiksammlung.

"Es ist mein Tourette!"

Endlich die Wahrheit

Ein Kinesiologe konnte Lothar 2008 dann bestätigen, dass es diese sexuellen Übergriffe wirklich gab. „Es war ein Verfahren, bei dem der Arzt den Körper des Patienten befragt, der dann auch für den Patienten die Antwort gibt. In dem Fall durch meinen Arm.“

Bei dieser Art der Rekonstruktion stellt der Arzt eine Frage und drückt anschließend den Arm des Patienten nach unten, während dieser dagegen drückt. Bleibt der Arm stark und „eingerastet“ oder wird er weich und gibt nach? So kann der Mediziner erkennen, ob der Körper mit Ja oder Nein antwortet. Es gibt keinerlei Beweise, dass der sexuelle Missbrauch für sein Tourette mit verantwortlich ist, aber Lothar hat keine Zweifel, dass es so ist.

 

Heute ist Lothar Berater im Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen in Mainz. Mit seinem Wissen, wie man auch mit Behinderung selbstständig leben kann, hilft er täglich Menschen. „Ich weiß sehr gut, was Menschen mit Behinderung für Hilfe und Unterstützung brauchen. Besser als jemand ohne Behinderung. Egal, ob es Anträge für Hilfen sind oder einfache Beratung. Bei mir sind die Menschen richtig.“ Die lauten Ausrufe sind weniger geworden, aber nicht weg. Als Lothar Mitte 20 war, fand er endlich Tabletten, die seine Tics leiser machten. Leiser, aber nicht stumm. Sie werden immer ein Teil von ihm sein. So wie das Schreiben.

 

Foto: Ich sitze im Schneidersitz auf meinem Sofa und schreibe in ein Buch. Rechts daneben der Text Manchmal.

Ein Dankeschön!

Zum Schluss möchte ich mich noch bei einigen Menschen sehr bedanken:

Vielen Dank an Eric Brandmayer für die tolle Umsetzung des Interviews zum Text.

Danke auch an Marc Geschonke für die tolle Idee mit dem Titelfoto und die Zurverfügungstellung der Fotos.

Und schließlich ein großes Dankeschön an Julia Neumann aus der Redaktion, die meine Änderungswünsche noch in letzter Sekunde umgesetzt hat.

 

Wenn Du Interesse an dem Buch hast, kannst Du es direkt beim Verlag bestellen unter werkstattverlag@esv.de.

Die Veröffentlichung auf meiner Seite erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

 

Aus dem Impressum:

Leidenschaft
Geschichten vom Leben mit Behinderung
1. Ausgabe 2014
Autoren: Jonas Völker, Leslie Müller, Eric Brandmayer, Tanja Karrasch
Verlag: Evangelische Stiftung Volmarstein
Werkstattverlag Volmarstein, Am Hensberg 25, 58300 Wetter
Fotos: Marc Geschonke
Gestaltung: Andreas Kersting
Redaktion: Julia Neumann
Gesamtproduktion: Druck- und Medientechnik des Berufsbildungswerks der Evangelischen Stiftung Volmarstein
ISBN: 978-3-945721-00-1