Meine Studienarbeit

Mainz, Juli 2010

Liebe Leserin, lieber Leser!

Mein Name ist Lothar Schwalm. Ich bin der Autor der nachfolgenden Studienarbeit mit dem Titel "Schwierigkeiten sexuell missbrauchter Männer“. Diese Arbeit ist 1993 von mir verfasst worden und daher heute vielleicht nicht mehr in allen Bereichen dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung entsprechend.

Mir ist klar, dass es zu diesem speziellen Thema im Bereich "Sexuelle Gewalt" nach wie vor sehr wenig deutschsprachige Literatur gibt, deswegen kann es sein, dass Du bisher noch keine anderen deutschsprachigen Texte zu diesem Thema gefunden hast. Du musst jedoch wissen, dass in den USA hierzu sehr viel mehr geforscht wird. Vielleicht findest Du also aktuellere, englischsprachige Literatur, die Du möglicherweise für Dich nutzen kannst.

Du darfst diese Arbeit gerne weiter verwenden. Dabei solltest Du die üblichen Standards für das Zitieren beim Erstellen wissenschaftlicher Arbeiten beachten. Du darfst diese Arbeit jedoch nicht als eigenen Text veröffentlichen, weder auszugsweise, noch als ganzen Text.

Erlaubt ist aber die unveränderte Weitergabe und nicht-kommerzielle Veröffentlichung unter Nennung meines vollen Namens und meiner Homepageadresse, zum Beispiel: "Verfasser: Lothar Schwalm, Homepage: www.die-schreibmaus.de" im Rahmen der "creative commons"-Lizenz (s.a. meinen Download-Bereich für Texte unter: www.die-schreibmaus.de)!

Jede andere Art der Veröffentlichung oder weiteren, darüber hinaus gehenden Nutzung innerhalb oder außerhalb des Internets und außerhalb der Nutzung für eigene wissenschaftliche Arbeiten bedarf meiner ausdrücklichen vorherigen, schriftlichen Genehmigung!

Du musst wissen, dass diese Arbeit bisher nur auf einigen wenigen deutschen Homepages zum Thema "Sexueller Missbrauch" veröffentlicht wurde, sonst nirgends. Ich habe sie 1993 im Rahmen meines Studiums im Fachbereich Sozialwesen an der Universität / Gesamthochschule Kassel geschrieben.

Allen Leserinnen und Lesern, die sexuelle Gewalt erlebt haben (und dies zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht selbst noch nicht wissen), sei gesagt:

ACHTUNG: Diese Arbeit kann triggern!!!

Das bedeutet, dass es sein kann, dass Du beim Lesen einzelner Passagen an Deinen eigenen Missbrauch oder andere Gewalterfahrungen erinnert wirst. Solltest Du bisher nichts von einem Missbrauch an Dir wissen und das Lesen erinnert Dich daran, dann suche Dir sofort Hilfe!

Über eine Rückmeldung zu meiner Arbeit würde ich mich sehr freuen. Du kannst jederzeit mit mir Kontakt aufnehmen. Für Lob, Kritik, Anregungen oder einen persönlichen Austausch schreib mir an die Adresse: mail(ed)die-schreibmaus.de (diese Mail-Adresse ist nicht verlinkt - du musst sie kopieren und das (ed) durch das "@"-Zeichen ersetzen!) oder nutze das Kontakt-Formular am unteren Ende meiner Seite.

Für heute liebe Grüße,

Lothar Schwalm im Juli 2010

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Fachbereich Sozialwesen der Gesamthochschule Kassel

Studienarbeit zum Thema

SCHWIERIGKEITEN SEXUELL MISSBRAUCHTER MÄNNER

 

Seminar:   Sexueller Missbrauch von Kindern

Dozentin:  Elke Mitzlaff

Verfasser: Lothar Schwalm, 09. Semester

Kassel im März 1993

 

Für alle Männer, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden.

 

Inhaltsverzeichnis


Danksagung

Vorwort

 

1. Einleitung

 

2. Sexueller Missbrauch: Definition und Ausmaß

2.1 Die Problematik der Bezeichnungen

2.2 Die Definition

2.3 Das Ausmaß der sexuellen Gewalt an Jungen

 

3. Das Trauma des sexuellen Missbrauchs

3.1 Die vier traumabedingenden Momente im Erleben des Opfers

3.1.1 Die traumatische Sexualisierung

3.1.2 Der Verrat oder Vertrauensverlust

3.1.3 Das Trauma der Machtlosigkeit

3.1.4 Die Stigmatisierung

3.2 Die Bedeutung der komplexen Traumastruktur

 

4. Die Auswirkungen sexueller Gewalt bei Männern

4.1 Literatur und Forschung

4.2 Symptomkategorien

4.3 Psychische Probleme

4.3.1 Die Verunsicherung in der Geschlechtsrollenidentität

4.3.2 Verlust oder Wechsel der sexuellen Identität

4.3.3 Nach außen gerichtete Aggressionen

4.3.4 Autoaggressives Verhalten

4.3.5 Das posttraumatische Stress-Syndrom

4.3.6 Ängste

4.3.6.1 Homophobie

4.3.6.2 Bindungs- und Verlustängste

4.3.6.3 Versagensängste und fehlendes Selbstvertrauen

4.3.6.4 Ängste vor erinnernden Auslösern

4.3.7 Andere psychische Störungen

4.4 Psychosomatische Probleme

4.5 Schlussbemerkung


5. Hilfsangebote für sexuell missbrauchte Männer


Nachwort

Literaturverzeichnis


Danksagung

Ich möchte mich an dieser Stelle bei all denen bedanken, die mir bei der Zusammenstellung meiner Arbeit behilflich waren.

Ein großes Dankeschön an Elke und Barbara für ihre nette Betreuung und tatkräftige Unterstützung während des Schreibens. Lisa danke ich ebenfalls - nicht nur für die Tipps zum Schluss, sondern auch für ihre Liebe. Sie hat mich immer wieder in meinem Vorhaben bestärkt und mir viel Selbstvertrauen gegeben. Vielen Dank auch an Dirk von ’Zartbitter’ in Köln, der mich reichlich mit Literatur versorgt hat und natürlich an meine Mutter, die auch diesmal wieder korrekturgelesen hat.

Zum Schluss möchte ich mich noch bei Tori Amos bedanken, ohne deren 'Little Earthquakes' ich diese Arbeit wohl nicht hätte schreiben können.

Vorwort

Die sexuelle Gewalt gegen Jungen ist ein Thema, das noch immer stark tabuisiert und verdrängt wird, sei es im eigenen oder öffentlichen Bewusstsein, im sozialen Bereich oder auf politischer Ebene. Ich widme mich diesem Thema, weil ich sexuellen Missbrauch durch meinen Vater selbst erlebt habe und erfahre, welche Auswirkungen er bis in mein heutiges Leben hat. Vermutlich habe ich den genitalen sexuellen Missbrauch zwischen meinem ersten und vierten Lebensjahr erfahren, allerdings kann ich mich auch an nichtgenitale Misshandlungen bis zu meiner frühen Jugend erinnern.

            Ich schreibe diese Arbeit vor allem deshalb, weil ich darauf hinweisen will, dass sexuell missbrauchte Jungen noch als Männer an diesem Trauma leiden. Ich möchte zeigen, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben, in wie viele Lebensbereiche ihre Probleme hineinreichen und inwiefern sie sich von denen der Frauen unterscheiden. Ich wünsche mir, dass diese Arbeit

  • eine Möglichkeit bietet, die Situation von Männern, die als Kinder misshandelt wurden, besser verstehen zu lernen und ihre Gefühle besser nachempfinden zu können, um ihnen, bzw. ihren Verhaltensweisen vorurteilsfreier zu begegnen, und dass sie
  • betroffenen und nicht betroffenen SozialarbeiterInnen hilft, sensibler im Umgang mit sexuell missbrauchten Männern zu werden, um sie mit ihrer Arbeit bei der Bewältigung des Erlebten gegebenenfalls besser unterstützen zu können.

An dieser Stelle möchte ich noch auf ein paar Punkte hinweisen:

Die Thematik dieser Arbeit ist sehr speziell und stellt lediglich einen Mosaikstein im Bild des Jungenmissbrauchs und seinen Folgen, sowie der sexuellen Gewalt an Kindern generell dar. Eine umfassende Miteinbeziehung anderer Aspekte würde den Rahmen dieses Aufsatzes schnell sprengen. Deshalb möchte ich weitgehend darauf verzichten, Grundkenntnisse zu vermitteln oder Fragen der Prävention und TäterInnenthematik anzuschneiden. Viel wichtiger scheint mir, die Probleme von missbrauchten Männern ausführlich darzustellen. Ich setze daher eine allgemeine Beschäftigung mit dem Thema der sexuellen Gewalt an Jungen oder Kindern voraus.

            Da das Thema 'Sexueller Missbrauch' in den Vereinigten Staaten schon sehr viel intensiver behandelt wird, verwende ich in erster Linie englischsprachige Literatur, die sich mit den Langzeitfolgen für betroffene Männer beschäftigt. Ich werde außerdem viele Männer selbst von ihren Gefühlen und Erfahrungen berichten lassen, um die Distanz der Leserin/des Lesers zum Thema zu verringern. Dieses Anliegen konnte ich nur im Rahmen einer sehr umfangreichen Arbeit verwirklichen.

            In dem Zusammenhang möchte ich noch darauf hinweisen, dass einige Passagen unter Umständen nicht leicht zu lesen sein werden, denn ich habe die Aussagen missbrauchter Männer nicht entschärft, weil mir wichtig ist, dass sie "nicht erneut schweigen müssen".

Texteinschlüsse in eckigen Klammern stellen sinngemäße Zitatergänzungen des Verfassers dar.

 

1. Einleitung

Jungen erfahren Gewalt. Sie erleben physische, psychische und sexuelle Gewalt, täglich und überall. Jungen werden vielfach misshandelt, ebenso wie Mädchen. Sexuellen Missbrauch erleben Jungen als Babys, als kleine und größere Kinder, als Jugendliche; sogar junge oder ältere, erwachsene Männer können sexuelle Gewalt erfahren. Übergriffe auf Jungen jeder Altersstufe sind alltäglich. Die sexuelle Ausbeutung von Jungen ist nicht ungewöhnlich, nicht selten, sie ist ein weltweit verbreiteter Brauch: Ein Miss-Brauch.

            So häufig und massiv Jungen und Jugendliche sexuell misshandelt werden, so selten werden sie als Opfer dieser Gewalt wahrgenommen, so selten werden ihre Probleme (die sie auch als erwachsene Männer noch haben) mit diesen Übergriffen in Verbindung gebracht. Oft erinnern sich nicht einmal die betroffenen Männer selbst an diese Erlebnisse aus ihrer Kindheit oder Jugend.

            Eine anhaltende, unbewusste Verdrängung solcher Erinnerungen hilft oft, zu überleben. Später wird dadurch eine meist schmerzhafte Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit vermieden, manchmal ein Leben lang. Dennoch nehmen viele betroffene Männer wahr, dass sie in vielen Lebensbereichen Schwierigkeiten haben, die sie sich nicht erklären und nicht lösen können. Sie haben das Gefühl, dass "mit ihnen etwas nicht stimmt", finden aber weder Antworten auf ihre Fragen noch entsprechende Hilfsangebote.

"I continue to awaken. Still I lapse into restless sleep, dreams, and deeper sleep. Bits and pieces of a life half-lived emerge and I am overwhelmed by sadness. I grieve still. I have some unfinished business I need to resolve. I need to resolve it so I can move on, and I feel that I cannot accomplish that. Part of the problem is that more stuff comes... Pain. Confusion. Who was I? What was I?... I was abused" (N.N., zit. n. Grubman - Black 1990, 84).

In all diesen Punkten unterscheiden sich männliche Opfer nicht von weiblichen. Mit meiner Arbeit möchte ich ein Forum für sexuell missbrauchte Männer schaffen, um so auf sie aufmerksam zu machen. Sie sollen hier zu Wort kommen, denn niemand kann ihre Gefühle und Schwierigkeiten so authentisch und glaubwürdig darstellen, wie diese Männer selbst.

 

2. Sexueller Missbrauch: Definition und Ausmaß

2.1 Die Problematik der Bezeichnungen

Sexuelle Misshandlungen haben viele Namen. Einer der üblichsten ist 'Sexueller Missbrauch'. Mir ist durchaus bewusst, dass diese Bezeichnung problematisch ist. Andere Benennungen wie 'Sexuelle Ausbeutung', 'Inzest' oder 'Sexualisierte Ge walt' sind es gleichermaßen (vgl. Lew 1988, 16f.; Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 9f.). Welcher Begriff gewählt wird, hängt zumeist auch davon ab, mit welchen Assoziationen und Gefühlen er bei dem jeweiligen Menschen verbunden ist. Ich verwende vorrangig den Ausdruck 'Sexueller Missbrauch', da er den Aspekt des Benutzt – worden - seins meinem Empfinden nach am stärksten widerspiegelt. Ich spüre immer wieder sehr deutlich, dass dieser Punkt für mich am wichtigsten ist.

Die Verwendung der Begriffe 'TäterIn' (fast immer nur in der männlichen Form!) und 'Opfer' halte ich ebenfalls für schwierig und ungenau, da sie in gewisser Weise Rollen- und Charakterzuschreibungen beinhalten, die ich als unzureichend empfinde und nicht kritiklos übernehmen möchte (vgl. Lew 1988, 7; Davis 1992, 20f.). Dennoch werde ich diese Bezeichnungen gebrauchen, „...da sie ausdrücklich klarstellen, auf wessen Seite die Verantwortung für die sexuellen Handlungen liegt" (Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 10).

            Des Weiteren benutze ich auch die Beschreibungen 'Betroffene' und 'Nicht-Betroffene' für die Unterscheidung zwischen Menschen, die sexuellen Missbrauch selbst erfahren haben und denen, die ihn nicht selbst erlebt haben. Allerdings impliziert der Ausdruck 'die Betroffenen' nicht, dass sie sich ihrer Erlebnisse immer bewusst sind.

Sexuelle Gewalt ist in ihrer Form einzigartig. Menschen, die diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben, können die Gefühle der Opfer nicht vollständig nachempfinden. Ich betone das deshalb, weil ich spüre, dass diese Erfahrung für mich etwas sehr Wertvolles und Intimes enthält, das ich nicht ohne weiteres mit allen Menschen teilen kann und möchte.

 

2.2 Die Definition

Sexueller Missbrauch ist letztlich nicht immer eindeutig zu definieren. Zum einen sind die Grenzen zwischen sexuell missbräuchlichen und nicht missbräuchlichen Handlungen auch unabhängig von den Folgen fließend. Zum anderen ist die Definition meist auch geknüpft an die Zielsetzungen der verschiedenen Arbeitsfelder, die sich mit diesem Thema befassen. Dennoch gibt es sehr klare Charakteristika, die insbesondere der Situation der Betroffenen gerecht werden.

Sexueller Missbrauch lässt sich unter anderem beschreiben als eine Konstellation, in der eine oder mehrere Personen ihre machtvollere Position gegenüber einer oder mehreren schwächeren Personen dazu missbrauchen, ihre eigenen "...Bedürfnisse (nach Macht, Zuwendung und Nähe) in Form von sexuellen Handlungen zu befriedigen" (Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 15; vgl. Bange 1989, 11; Davis 1992, 25). Sehr häufig findet sich in vielen Definitionen auch das Merkmal des Altersunterschiedes zwischen TäterInnen und Opfern. Vor allem amerikanische Forschungsergebnisse verweisen jedoch immer mehr auf die Tatsache, dass sexuell missbrauchende Beziehungen auch unter Gleichaltrigen, insbesondere Geschwistern und Jugendlichen, zu finden sind (vgl. Johnson 1988; 1989).

 

2.3 Das Ausmaß der sexuellen Gewalt an Jungen

In welchem Umfang nicht nur Mädchen sondern auch Jungen sexuell ausgebeutet werden, lässt sich nicht exakt bestimmen. In der einschlägigen Fachliteratur gibt es unterschiedliche Angaben, denen zufolge jeder sechste bis sechzehnte Junge sexuellen Missbrauch erlebt (vgl. Conte 1986, 10f.; Grubman - Black 1990, xii f.; Bange 1992, 24). Zu festigen scheint sich auch immer mehr die Annahme, dass der Anteil der betroffenen Jungen im Vorschulalter ähnlich hoch ist wie der der Mädchen (vgl. Knopp 1986, 3ff.). Ich möchte mich an dieser Stelle jedoch nicht weiter mit dem Ausmaß der sexuellen Gewalt gegen Jungen befassen, da mir wichtiger ist, die Auswirkungen des Missbrauchs für erwachsene Männer zu schildern.

 

3. Das Trauma des sexuellen Missbrauchs

3.1 Die vier traumabedingenden Momente im Erleben des Opfers

Sexueller Missbrauch ist in seiner Dynamik und seiner Bedeutung für die emotionale und psycho-sexuelle Entwicklung des Opfers einzigartig. Physische oder seelische Gewalt gegen Kinder ist deswegen nicht harmloser. Sie setzt sich aber aus anderen dynamikbestimmenden Faktoren zusammen und führt daher mitunter auch zu nicht vergleichbaren Problemen.

            Finkelhor und Browne entwickelten eine Gliederung, die die komplexe Dynamik des sexuellen Missbrauchs strukturiert: "...the experience of sexual abuse can be analyzed in terms of four ... traumagenic dynamics - traumatic sexualization, stigmatization, betrayal and powerlessness. These traumagenic dynamics are ... not necessarily unique to sexual abuse; they occur in other kinds of trauma. But the conjunction of these four dynamics in one set of circumstances are what make the trauma of sexual abuse unique..." (1986, 180). Ich werde diese vier Faktoren im nachfolgenden kurz vorstellen, denn sie ermöglichen ein besseres Verständnis für die Schwierigkeiten missbrauchter Männer.

 

3.1.1 Die traumatische Sexualisierung

Finkelhor und Browne beschreiben diese Dynamik als einen Prozess, in dem die sexuellen Gefühle und das sexuelle Verhalten eines Kindes durch den Missbrauch zu einem nicht entwicklungsgemäßen, zwischenmenschlich gestörten Verhalten führen. Dies kann u. a. durch Penetration geschehen, oder auch dann, wenn die Missbrauchenden bestimmten Partien des kindlichen oder jugendlichen Körpers unverhältnismäßig große Aufmerksamkeit schenken, bis sich die / der Betroffene unter Umständen nur noch über diese Teile des Körpers erfährt, angenommen fühlt und definiert.

            Dabei scheint es so zu sein, dass Faktoren wie das  Erzeugen einer sexuellen Erregung durch die/den TäterIn oder die Verführung des Opfers zu einer aktiven Teilnahme an den Handlungen dazu beitragen, die Sexualisierung als besonders traumatisch zu empfinden. Angenehm erlebte Gefühle stellen aus der Sicht des Kindes nicht selten die eigenen (erlernten) Wertmaßstäbe und die Verantwortlichkeit der/des Missbrauchenden in Frage. Ein betroffener Mann erinnert sich in dem Zusammenhang an ein Lied:

"Isn't there a line from a song that goes something like this? 'How could something that feels so good be so wrong?'" (N.N., zit.n. Grubman-Black 1990, 30).

Der Autor ergänzt dieses Zitat: "It is often the double-bind of budding feelings of sexuality and the security of the older male's attention that cause confusion in later life, long after the victimization has ended" (ebd.). Ein anderer Mann berichtet von sich:

"Sometimes I panic when I'm feeling too good, like when I'm enjoying my sexuality. Even now, as an adult male, after counseling and group work. Sure, I'm better for it, but still there's this voice that once in a while still hisses, 'Oooo, lookit what you're doin'! And you're ENJOYING it too!' That's the part that brings guilt and shame to me" (N.N., zit. n. Grubman-Black 1990, 42).

 

3.1.2 Der Verrat oder Vertrauensverlust

Eine weitere Komponente, die die Dynamik der erlebten sexuellen Misshandlungen mitbestimmt, ist der Verrat. Häufig ist der (wiederholte) Vertrauensbruch für die Betroffenen besonders schlimm und folgenschwer. Sie fühlen sich in ihrer Not allein gelassen. Kinder können nicht ahnen und oftmals auch nicht glauben, dass Menschen, von denen sie zumeist gänzlich abhängig sind, denen sie sich nahe fühlen, denen sie vertrauen und die sie lieben, sie gleichzeitig auch betrügen, verletzen oder missachten. Dabei ist für den Grad dieses traumatischen  Erlebnisses die Intensität der Beziehung zur/zum TäterIn entscheidender als die Frage, ob es sich um intra- oder extrafamilialen Missbrauch handelt.

            Eine nicht missbrauchende Bezugsperson kann das Trauma des Vertrauensverlustes erheblich verstärken, wenn das Kind erlebt, dass auch sie ihm weder glauben noch helfen kann (vgl. Finkelhor / Browne 1986, 182f.; Enders 1990, 61ff.; Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 33f.). Die Situation seiner Schwester beschreibt ein junger Mann so:

"Meine Schwester hat im Alter von etwa drei Jahren zum ersten Mal von den sexuellen Misshandlungen erzählt. Sie hat gesagt: 'Du, Mammi, der Pappi fasst mich dauernd an der Scheide an.' Ich weiß nicht, wie sie da reagiert hat. Meine Mutter hat sie, glaube ich, nicht ernst genommen, weil meine Schwester nie wieder darüber gesprochen hat. Zwischen meiner Mutter und meiner Schwester war das Verhältnis ganz schlecht. Meine Schwester hat dann später sechs Jahre lang überhaupt nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen" (Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 65).

 

3.1.3 Das Trauma der Machtlosigkeit

Ein Gefühl, das alle Opfer kennen, ist das der Ohn - Macht. Sexuelle Ausbeutung ist eine Falle, aus der sich nur wenige ohne Hilfe von außen befreien können. Kleine Kinder können das Erlebte überhaupt nicht einordnen, häufig nicht einmal benennen. Ältere Kinder stehen teilweise unter einem starken Geheimhaltungsdruck. Oftmals schweigen die Betroffenen aber ohnehin von selbst: sei es aus Angst vor den möglichen Folgen oder aus Scham. Auf die Frage, ob sein Vater ihn zur Geheimhaltung gezwungen habe, antwortete ein junger Mann:

"Ich kann mich daran überhaupt nicht erinnern. Ich weiß auch gar nicht, ob das nötig gewesen wäre. Ich habe es ja auch gar nicht verstanden. Ich habe nie darüber geredet. Er hat mir weder gedroht noch sonst irgendetwas. Er allein war schon Bedrohung genug..." (N.N., zit. n. Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 68).

MissbraucherInnen bezahlen, beschenken oder bevorzugen ihre Opfer zuweilen gegenüber deren Geschwistern oder FreundInnen. Manchmal ist die/der TäterIn die einzige Person, die auch die emotionalen Bedürfnisse eines Kindes befriedigt und diese Notlage ganz bewusst ausnutzt. Viele Opfer sind zudem stark verunsichert, weil sie durch die sexuellen Handlungen oder in der Beziehung zur/zum TäterIn auch angenehme Gefühle verspüren (s. a. Kap. 3.1.1).

"It was like I was out in the cold, with ice-cold rain soaking me. And he was the warmth and the comfort from the storm. He would make me want to do things with him. [...] I just felt so good inside and it just seemed a natural thing to do..." (N.N., zit. n. Grubman - Black 1990, 33).

Für einige Kinder ist der sexuelle Missbrauch nichts Ungewöhnliches, weil er schon immer Bestandteil ihres Lebens war, oder weil ohnehin niemand Notiz davon nimmt. Kinder gehen oft davon aus, dass die "allwissenden" (nicht missbrauchenden, erwachsenen) Bezugspersonen von den Misshandlungen wissen und werten deren Untätigkeit oder die Tatsache, dass niemand helfen kann, als Zeichen dafür, dass die erlebte sexuelle Gewalt "normal" sein muss. Sie suchen den Grund ihrer ambivalenten Gefühle bei sich und übernehmen die Verantwortung für den Missbrauch. Gleichzeitig versuchen die meisten MissbraucherInnen systematisch, die Verantwortung für ihre Übergriffe an das Opfer abzugeben. Das Kind hat in der Regel keine Chance, dem Netz der Täterin/des Täters aus eigener Kraft zu entkommen (vgl. Enders 1990, 50f.; Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 21ff.).

 

3.1.4 Die Stigmatisierung

Sexueller Missbrauch löst viele verschiedene Gefühle aus, die oft sehr verwirrend sind und mit denen die Überlebenden manchmal ein Leben lang zu kämpfen haben. Scham und Schuldgefühle können die Opfer ständig begleiten und sie immer wieder vor Probleme stellen, mit denen sie alleine nicht fertig werden. Ein Mann, der als Kind missbraucht wurde, erzählt von sich:

"When I started to realize I had been sexually abused as a child, I was already an adult. And I can remember over and over again feeling like I was confessing something. The guilt and the shame were overwhelming. I am still ashamed to tell it. I blame myself a little even now" (N.N., zit. n. Grubman - Black 1990, 42).

Die Stigmatisierung lässt sich als eine Dynamik beschreiben, in der das Kind in seiner Missbrauchserfahrung mit vielen negativen Gefühlen und Reaktionen konfrontiert wird, die sein Selbstbewusstsein und Selbstbild nachhaltig stören können. Dies kann allein durch Schuldzuweisungen oder ein Geheimhaltungsgebot seitens der/des Missbrauchenden geschehen. Macht sich das Opfer für die Misshandlungen und seine Gefühle selbst verantwortlich, stigmatisiert es sich damit auch noch selbst. Doch nicht nur das Verhalten der Täterin / des Täters und des Opfers ist entscheidend. Finkelhor und Browne stellen fest:

"But stigmatization is also reinforced by attitudes that the victim infers or hears from other persons in the family or community. Stigmatization may thus grow out of the child's prior knowledge or sense that the activity is considered deviant and taboo. It is certainly reinforced if, after disclosure, people react with shock or hysteria, or blame the child for what has happened" (1986, 184; vgl. Davis 1992, 28f.).

 

3.2 Die Bedeutung der komplexen Traumastruktur

Wie sehr die einzelnen Komponenten als traumatisch erlebt werden, hängt von den jeweiligen Lebenserfahrungen und -umständen des Opfers ab. Für das Ausmaß des Vertrauensverlustes kann das bedeuten, "...that the degree of betrayal is affected by how tricked the child feels, whoever the offender is. A child who was suspicious of a father's activities from the beginning may feel less betrayed than one who initially experienced the contact as nurturing and loving, and then is suddenly shocked to realize what is really happening (Finkelhor/Browne 1986, 183).

Wenngleich etliche Probleme sexuell misshandelter Menschen in sehr direktem Zusammenhang mit einer einzelnen der vier Dynamiken stehen (Bindungsängste, Misstrauen, Angst vor sexuellen Kontakten), so können andere durchaus Folge einer komplexeren Verkettung von Umständen sein (Isolierung, Verletzbarkeit, aggressives Verhalten). Da die einzelnen Traumata im sexuellen Missbrauch zusammenfließen und als Ganzes erlebt werden, bedingen und verstärken sie sich oftmals gegenseitig. Unlösbare Schwierigkeiten lassen sich später selten auf eine Ursache reduzieren; vielmehr stellen sie sich häufig als ein Geflecht von zunächst unerklärlichen Empfindungen und Verhaltensmustern dar. Gerade diese weitreichende Verknüpfung macht es den Opfern schwer, ihr Leben zu bewältigen und zu heilen.

Ich selbst habe erst einige Zeit nach der Entdeckung meines Missbrauchs verstanden, weshalb ich häufig kurze, heftige, zum Teil fließende Bewegungen mit beiden Armen mache, die mich umso mehr beunruhigten und störten, als ich deswegen ständig diskriminiert wurde. Dass sie mir ein Gefühl der Sicherheit und Wehrhaftigkeit geben, wusste ich, nicht jedoch, warum ich es in solchem Ausmaß brauche. Heute verwirren mich diese Bewegungen nicht mehr und ich versuche nur noch selten, sie zu kontrollieren.

 

4. Die Auswirkungen sexueller Gewalt bei Männern

4.1 Literatur und Forschung

Jungen werden allmählich auch in Deutschland als Opfer sexualisierter Gewalt wahrgenommen. Untersuchungen und Berichte über misshandelte Jungen und ihr soziales Umfeld sind noch immer rar, Studien, die sich nur mit Langzeitfolgen bei Männern befassen, gibt es bisher nicht. Die einzigen Hinweise hierauf finden sich in wenigen Interviews mit betroffenen Männern (vgl. Fuchs 1988; Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990). Obwohl die Langzeitfolgen für Männer in den USA inzwischen als wichtiges Thema gesehen werden, besteht auch dort noch ein großer Wissensbedarf.

            In den letzten Jahren hat es jedoch immer mehr Forschungsprojekte gegeben, die diesen Aspekt sexueller Gewalt untersucht haben. Dabei stellte sich heraus, dass der sexuelle Missbrauch durchaus erhebliche Folgen für erwachsene Männer haben kann. Viele auftretende Probleme unterscheiden sich dabei nicht von denen misshandelter Frauen. Verschiedene Studien zeigen, dass es dennoch einige geschlechtsspezifische Unterschiede in den Langzeitfolgen gibt, dass allgemeingültige Aussagen zur Zuordnung von Auswirkungen sexueller Gewalt jedoch nicht möglich sind.

 

4.2 Symptomkategorien

Es ist sehr schwer, die verschiedenen, möglichen Störungen einzelnen Bereichen zuzuordnen. Zum einen liegt das daran, dass sich viele Gefühle und Verhaltensweisen aus sehr komplexen, individuellen Lebensbedingungen heraus entwickeln, zum anderen lassen sich psychisch und psychosomatisch bedingte Schwierigkeiten oft kaum voneinander trennen. Ich werde die Bandbreite der Langzeitfolgen dennoch in die groben Kategorien der psychischen und psychosomatischen Probleme aufgliedern, weniger, um sie eindeutig zuzuordnen, sondern um einen besseren Überblick zu gewähren.

 

4.3 Psychische Probleme

Das Spektrum der psychischen Probleme ist außerordentlich groß. Die Verarbeitung traumatischer Gefühle mündet dabei nicht immer und oft nur sehr indirekt in sichtbare Verhaltensmuster, die das Erlebte symbolisieren oder kompensieren sollen.

 

4.3.1 Die Verunsicherung in der Geschlechtsrollenidentität

Auch wenn der Anteil der Täterinnen bei Jungen höher ist als bei Mädchen (vgl. Faller 1989, 187f.; Watkins / Bentovim 1992, 222), so werden die meisten Jungen doch von männlichen Jugendlichen oder Erwachsenen missbraucht. Die homosexuelle Konstellation der Misshandlungen, häufig verbunden mit dem Gefühl der Machtlosigkeit, erschüttert die Jungen in ihrer Geschlechtsrollenidentität. Schnack und Neutzling erinnern daran, "...welchen immensen Bedarf kleine Jungen haben, sich als unverletzlich, stark und überlegen zu empfinden - nicht naturgegeben, sondern aufgrund der Umstände ihrer geschlechtlichen Sozialisation" (1992, 46), und ergänzen an späterer Stelle: "Problematisch werden solche 'Delegationen' [traditioneller Werte], wenn sie die altersgemäßen Bedürfnisse und Möglichkeiten der Kinder außer acht lassen oder zu unlösbar widersprüchlichen oder überfordernden Erwartungen führen" (67). Die Verunsicherung kann so stark sein, dass sie bis in das Erwachsenenalter hinein spürbar ist:

"I was scared of men, their voices so loud and there was always something that threatened me. I grew up avoiding most men, and yet I was one. For the longest time I tried to hide that fact by not being loud and trying to be gentle. But that began to stop working when I was a teenager because I got teased a lot for being so soft. I just couldn't become the kind of man who had hurt me, yet I saw where it was leading me to try to be someone so different. I was catatonic, not knowing who to be" (N.N., zit. n. Grubman - Black 1990, 10).

Ein anderer Mann erzählt von sich:

"I went to see a movie starring Brooke Shields called Pretty Baby, and I was sickened at the idea that this adult was desiring a twelve-year-old. And this was in the movies for almost anyone to watch and to laugh at. A while later it hit me that I had been younger than the girl in the story and that this guy had acted just like the Carradine character had in the movie with me. Was I too a prostitute? A female?" (N.N., ebd., 11).

Grubman-Black erläutert diesen Konflikt wie folgt: "As survivors, we need to reexamine the myths of masculinity that may be guiding our thoughts and attitudes. When we undertake this reexamination we often find that rigid ideas about gender roles, stereotypes based on insufficient, inadequate, inappropriate, or incorrect information, are responsible for some of our suffering in the aftermath of abuse" (ebd.).

 

4.3.2 Verlust oder Wechsel der sexuellen Identität

Manche Männer schlüpfen bereits als Jungen in eine "weibliche Identität" und verinnerlichen "weibliche Normen und Werte". Sansonnett und Hayden stellten in einer Studie aus dem Jahre 1987 fest, dass fünf der sechs befragten jugendlichen Missbrauchsopfer Transvestiten waren (vgl. Grubman - Black 1990, 15ff.; Watkins / Bentovim 1992, 216). Ein allgemein gültiger Zusammenhang lässt sich aufgrund der geringen Teilnehmerzahl hieraus jedoch nicht ableiten.

Andere verlieren ihre geschlechtliche Identität, ohne eine neue zu finden. Ein Mann beschreibt seine Sexualität folgendermaßen:

"Bis einundzwanzig wusste ich überhaupt nicht, wer ich bin. Ich war sexuell völlig neutral", und fügt später hinzu:  "Ich gehörte weder zu den Jungen noch zu den Mädchen. Das zieht sich durch mein Leben" (N.N., zit. n. Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 82ff.).

Beide Varianten einer starken Verunsicherung der eigenen Geschlechtsidentität können mit eine Ursache für Homo- oder Bisexualität, Unentschiedenheit bezüglich der geschlechtlichen Orientierung oder Beziehungsschwierigkeiten sein.

Aber nicht alle Opfer sexualisierter Misshandlungen bewerten ihre frühen sexuellen Kontakte negativ. Amerikanische ForscherInnen untersuchten, ob es einen Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und der späteren sexuellen Orientierung gibt. Sie befragten 1001 männliche Patienten dreier Kliniken für Geschlechtskrankheiten. Darunter waren in erster Linie homosexuelle (86%) und bisexuelle (12%) Männer. Sie stellten fest, dass bei einem auffällig hohen Anteil von 369 missbrauchten Männern (37%!) immerhin 141 (42%!) angaben, die sexuellen Begegnungen damals als positiv oder neutral empfunden zu haben (Doll et al. 1992, 860; vgl. Fromuth / Burkhart 1989, 540). Möglicherweise werden die Kontakte zum Schutz der eigenen Identität als nicht negativ gewertet. Johnson und Shrier kommen in ihrer Studie über Jungenmissbrauch 1985 ebenfalls zu dem Ergebnis, dass betroffene Jungen später eher homo- oder bisexuell leben als nicht betroffene.

 

4.3.3 Nach außen gerichtete Aggressionen

Oftmals reagieren Jungen auf diese Verunsicherung mit einem aggressiven Verhalten, das die Attribute von Männlichkeit, wie zum Beispiel Stärke und Überlegenheit, demonstrieren und wieder verinnerlichen soll (vgl. Schnack / Neutzling 1990, 205). Einige Jungen und Männer überwinden ihre Opferrolle, indem sie das Erlebte diesmal in der Position des Mächtigeren neu inszenieren: sie üben sexualisierte Gewalt gegen schwächere Geschwister und FreundInnen, gegen bekannte oder fremde Kinder, Jugendliche, Töchter, Söhne und PartnerInnen aus (vgl. Lew 1988, 43f.; Watkins / Bentovim 1992, 217ff.). Zwei Betroffene erzählen aus ihrer Perspektive:

"Ich habe mir als Kind gewünscht, dass das wieder jemand mit mir macht, aber nicht er. Ich habe damals schon eine kleine Freundin gehabt, die das gemacht hat. Die habe ich dazu aufgefordert, auf die gleiche Art wie er. Das war aber nicht das einzige Mal, sondern ich habe das noch mit mehreren Kindern danach getan. Es war immer irgendeine, die ich dazu aufgefordert habe. Es lief aber auch gegenseitig. [...] Das schlimmste ist für mich, dass zwischen meiner Schwester und mir auch ähnliche Sachen abliefen. Das ging immer von meiner Schwester aus..." (N.N., zit. n. Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 61f.; vgl. Johnson 1988; 1989).

"I was molested by my oldest brother when I was nine and he was fifteen... My brother had crawled into bed with me and started fondling me. I didn't know what to do. I was scared and excited at the same time. How many nine-year-olds know about sex? I lay there and let him do it. As far as I was concerned, he knew what he was doing and it couldn't be wrong. He was my older brother" (N.N., zit. n. Lew 1988, 158).

Auch wenn sie selbst Opfer sind, tragen TäterInnen, sofern ihnen die Unrichtigkeit oder das Unrecht ihrer Handlungen bewusst ist, dafür die volle Verantwortung. Das mag in den Fällen begrenzt gelten, in denen sexuell ausgebeutete (kleine) Kinder ihre Erfahrungen an andere weitergeben.

            Neben sexueller Gewalt kann sich aggressives Verhalten aber auch (zusätzlich) in körperlichen Misshandlungen, in der Abwertung aller männlichkeitsbedrohenden Gefühle (z.B. Trauer, Angst), Aktionsmuster (z.B. Hingabe, Schwäche zeigen) und Personen (z.B. Schwule, Lesben und andere Frauen, Behinderte), in Diebstahl oder der Zerstörung von Gegenständen äußern (vgl. Briere et al. 1988, 460).

 

4.3.4 Autoaggressives Verhalten

Manche Männer richten ihr aggressives Potential noch als Erwachsene gegen sich selbst, wenn sie keine Möglichkeit hatten, ihre Erlebnisse zu verarbeiten, oder wenn sie die Schuld und die Verantwortung für den Missbrauch tragen mussten. Sie verletzen sich (un- / regelmäßig), um sich zu spüren, zu spüren, dass sie noch Empfindungen haben, dass sie leben, oder um auf sich aufmerksam zu machen. Insbesondere Schmerzen und Blut geben diese Bestätigung. Manchmal haben diese (u. U. ritualisierten) Handlungen aber auch das gegenteilige Ziel: Sie dienen der Selbstzerstörung. In beiden Fällen sollten diese Signale als Hilferufe wahrgenommen werden.

Formen der Selbstverletzung können Gewalt gegen den eigenen Körper, große Inkaufnahme von Verletzungsrisiken, (zwanghaftes) Schaffen von Situationen / Beziehungen, die mit Kontrollverlust, Demütigung oder Ohnmacht verbunden sind, Selbstverachtung, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Essstörungen, Prostitution, masochistische Phantasien / Handlungen und Suizidversuche, bzw. vollzogener Suizid sein. Ein Mann berichtet von einer Beobachtung, die er machte, als er zu heilen begann:

"I started to lose weight. I said good-bye to a poor self-image and to being addicted to foods" (N.N., zit. n. Grubman - Black 1990, 135).

In der Auswertung seiner Studie von 1992 stellte Bange fest, dass die befragten Studenten, die sexuell ausgebeutet worden sind, häufiger an gestörtem Essverhalten, Suchtmittelkonsum und Sprachstörungen leiden als nicht betroffene Kommilitonen. Außerdem berichteten sie öfter von psychosozialen Problemen, bewussten Selbstverletzungen und Suizidversuchen. Darüber hinaus bewerten sie Ängste vor engen und langen Beziehungen, ihre Sexualität, wenig sexuelle Initiative und Erfahrungen ebenfalls als problematisch (1993, 14f.).

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch etliche amerikanische Untersuchungen. Insbesondere Drogen- und Alkoholabhängigkeit, sexuelle Funktionsstörungen sowie eine verminderte soziale Kompetenz fanden sich dort bei betroffenen Männern signifikant häufiger als bei betroffenen Frauen und nicht betroffenen Männern (vgl. Finkelhor / Browne 1986, 188f.; Beitchman et al. 1992, 111ff.; Watkins / Bentovim 1992, 226).

Das verstärkte Agieren in "männlichen Mustern" und die Weitergabe sexualisierter Gewalt sind ebenso Verhaltensweisen, die sehr viel häufiger bei männlichen als bei weiblichen Missbrauchsopfern festzustellen sind (vgl. Fromuth / Burkhart 1989, 540; Watkins / Bentovim 1992, 240). Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass sich zwischen den Misshandlungen und ihren möglichen Folgen auch bei Männern keine linearen Beziehungen aufstellen lassen.

 

4.3.5 Das posttraumatische Stress-Syndrom

Mittlerweile gibt es Berichte, die auch auf Zusammenhänge zwischen Anzeichen des posttraumatischen Stress-Syndroms und körperlichen Misshandlungen hinweisen. Das posttraumatische Stress-Syndrom ist vor allem gekennzeichnet durch ein wiederkehrendes Durchleben des Traumas, die Abkapselung und den Verlust des Bezugs zur Umwelt, sowie möglicherweise starke Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Gedächtnisverlust oder Symptome, die das Erlebte symbolisieren oder den Misshandlungen ähneln. Sexueller Missbrauch beinhaltet ja zum einen sehr häufig direkte körperliche Gewalt, zum anderen lassen sich die jeweiligen traumatischen Erfahrungen in weiten Bereichen vergleichen.

            In ihrer Studie 'Familial Abuse and Post-Traumatic Stress Disorder' untersuchten McCormack et al., aus welchen Gründen Jugendliche, die Anzeichen des Stress-Syndroms zeigten, von Zuhause weggelaufen waren. Von den 135 Befragten gaben 43 Prozent die körperlichen Misshandlungen in der Familie als einen wichtigen Grund an. "This latter group of runaways are most likely to be those who have been abused by the members of their families" (1988, 241).

Beitchman et al. berichten: "Briere (1984) proposed that victims of CSA [Child Sexual Abuse] show a 'post­sexual abuse syndrome' characterized by symptoms of fear, periods of dissociation and withdrawal, problems with anger, chronic muscle tension, and self-injurious feelings" (1992, 108). In einer weiteren Studie, die sich mit den Folgen sexueller Übergriffe auf die körperliche Gesundheit befaßt, schreiben Waigandt et al.:

"...Burgess and Holmstrom (1974) were the first researchers to study the symptomology of sexual victims and to define 'rape trauma syndrome'" (1990, 94), und ergänzen später: "...Burgess, in a 1983 study, related rape trauma syndrome to the diagnostic criteria for Post-Traumatic Stress Disorder..." (ebd.).

In einem Aufsatz über die Kurzzeitfolgen von sexuellem Kindesmissbrauch greifen Beitchman et al. Dieses Thema erneut auf: "Most recently the suggestion has been made that many sexually abused children suffer from a specific syndrome, 'post-traumatic stress disorder' (PTSD)" (1991, 546f.). Die von McCormack et al. aufgestellten Kriterien für das posttraumatische Stresssyndrom (1988, 233) finden sich auch als Symptome in vielen Berichten betroffener Männer und ebenso in Angaben über mögliche Langzeitfolgen von sexueller Gewalt wieder (vgl. Lew 1988, 14f., 75; Watkins / Bentovim 1992, 222f.), sodass davon ausgegangen werden muss, dass dieses Syndrom als Sofort- und Langzeitfolge sexueller Ausbeutung auftreten kann.

            Watkins und Bentovim resümieren: "Using the Trauma Symptom Checklist (TSC - 33), Briere et al. (1988) found both abused men and women manifested greater symptomatology in all instances (dissociation, anxiety, depression, anger, sleep disturbance) than their non-abused controls, with a highly significant main effect of sexual abuse" (1992, 225).

 

4.3.6 Ängste

Ein Gefühl, das alle überlebenden sexueller Gewalt kennen, ist Angst. Viele leiden unter Bindungsängsten, Versagensängsten, Sprachängsten, Ängsten vor Männern und/oder Frauen, unter der Angst, ein Leben lang allein zu bleiben oder erneut Opfer zu werden. Ebenso können Personen, Orte, Gegenstände, bestimmte Handlungen, Gesten oder Worte, Gefühle, Gerüche, usw. die Erinnerungen an die Misshandlungen wecken, ängstigend sein. Im nachfolgenden werde ich kurz auf einige dieser Ängste eingehen.

 

4.3.6.1 Homophobie

Bis heute gilt Schwul-Sein vor allem bei Männern als äußerst "unmännlich" und hat für viele - im Unterbewusstsein - etwas sehr Bedrohliches, werden den Schwulen doch genau jene (als weiblich definierten) Eigenschaften wie Sanftheit und Schwäche zugeschrieben, die das männliche Geschlechtsrollenbild in Frage stellen. Schwule Männer greifen ein Identifikationsmodell an, das von Machterhaltung und Verdrängung geprägt ist. Die Reaktion ist Diskriminierung. Diese Stigmatisierung erleben insbesondere viele Jungen, die von männlichen Tätern vergewaltigt wurden.

            "Angst, homosexuell zu sein, haben Jungen dann, wenn ihnen die Zuwendung des männlichen anderen gefallen hat und sie sogar sexuell erregt waren. Gibt sich der Täter sonst nur mit Mädchen oder Frauen ab oder ist er verheiratet und hat er Kinder, kann er in den Augen des Jungen nicht schwul sein. Deshalb muss der Junge dies von sich selbst annehmen. [...] Wurde der Junge von einer Frau missbraucht und hat er keine sexuelle Erregung, sondern vielleicht sogar Ekel verspürt, wird er möglicherweise zum gleichen Schluss kommen" (Schnack / Neutzling 1990, 204).

Die Homophobie kann die psycho-sexuelle Entwicklung von missbrauchten Kindern und Jugendlichen stark beeinflussen. Viele wissen lange Zeit nicht, ob sie nun schwul sind oder nicht. Zum Teil distanzieren sie sich völlig verunsichert von "männlichen Verhaltensnormen"; sie wollen nicht so sein oder werden, wie der Täter. Manche Jungen nehmen eine "weiblich besetzte" Identität an. Unter Umständen erhalten mögliche spätere Beziehungen zu Männern dadurch einen "pseudo-heterosexuellen" Charakter.

 

4.3.6.2 Bindungs- und Verlustängste

Viele missbrauchte Männer haben erhebliche Schwierigkeiten, gleichberechtigte Partnerschaften aufzubauen oder über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Immer wieder tauchen Ängste auf, die eine dauerhafte, intime Beziehung verhindern oder zerstören. Als Jungen fühlten sie sich durch die sexuelle Gewalt in ihrem Vertrauen betrogen und alleingelassen, insbesondere dann, wenn nicht missbrauchende Bezugspersonen die innere Not nicht erkannten. Sie lernten, anderen zu misstrauen. Die Erfahrung, sich auf andere nicht verlassen zu können, führte bei diesem Überlebenden zu folgendem Verhaltensmuster:

"Whenever I hear that someone I feel close to is moving, or is dying, or is ill, or is late, or if that person doesn't call me back soon enough or write back to me soon enough, or whatever, I get scared. I feel abandoned, and then I withdraw. It's awful because I end up giving conflicting messages to people: I need you, I want you, and it has to be now and always and forever, BUT if for any reason you don't live up to my needs and expectations, just forget it. I don't want to bother with you. Good-bye. That way I get to say good-bye first" (N.N., zit.n. Grubman - Black 1990, 50f.).

In Verbindung mit der Unsicherheit über die eigene geschlechtliche Identität und einer möglichen homo- oder bisexuellen Orientierung gewinnt die Angst vor erneuter Zurückweisung und erneutem Vertrauensmissbrauch sicher an zusätzlicher Bedeutung.

 

4.3.6.3 Versagensängste und fehlendes Selbstvertrauen

Oft haben Opfer sexueller Gewalt kein oder nur ein sehr geringes Selbstwertgefühl und wenig Selbstvertrauen. Ihre Wahrnehmungen wurden missachtet, manipuliert oder negiert. Ihre Persönlichkeit wurde abgewertet, gespalten, vielleicht sogar vernichtet. "...the survivor 'knows' that he is ugly, stupid, incompetent, uncreative, weak, sick, and/or evil. If people perceive him in any other way, he takes it as evidence that he has fooled them" (Lew 1988, 117). Eigene Machtlosigkeit und Unterlegenheit vermitteln ein negatives Selbstbild.

Die Betroffenen entwickeln meist sehr individuelle (Über-) Lebensstrategien, dennoch weisen diese häufig Gemeinsamkeiten auf. Sicherheit und innere Befriedigung verspüren manche beispielsweise nur bei absoluter Perfektion. Immer wieder fordern sie die nicht nur von sich selbst, sondern auch von anderen, die überfordert sind und sich abwenden. Die Distanz schafft wieder Sicherheit und bestätigt das "Wissen" um die eigene Unattraktivität - ein Kreislauf, der ohne Hilfe von außen kaum zu durchbrechen ist. Perfektionismus kann sich in vielen anderen Facetten widerspiegeln; in jedem Fall kompensiert er die frühere Macht- und Hilflosigkeit (vgl. Lew 1988, 118ff.).

            Andere werten ihre Person so stark ab, dass sie durch niemanden noch weiter verletzbar sind. Bei vielen Männern führt das mangelnde Selbstvertrauen zu Schwierigkeiten vor allem im Berufsleben und in Partnerschaften:

"I fear both failure and success. Crazy, huh? I am afraid of being wrong but I am also afraid to do too well because then I'll be noticed" (N.N., zit.n. Grubman - Black 1990, 37).

 

4.3.6.4 Ängste vor erinnernden Auslösern

Für viele Überlebende sexueller Gewalt verbinden sich verschiedene Empfindungen und Bilder mit den Misshandlungen. Manche erinnern sich an bestimmte Kleidung oder Stoffe, an das Muster auf der Bettdecke, dem Teppich, der Tapete oder den Gardinen. Andere bringen gewisse Farben, Gerüche, Geräusche, Lichtverhältnisse o. ä. mit den Übergriffen in Verbindung. Musik, eine Stimme, Worte oder Sätze können ebenfalls die Erinnerungen an den Missbrauch ganz unvermittelt wecken. Oftmals lösen diese Fragmente auch Ekel- oder Hassgefühle aus. Drei Männer erzählen von ihren Assoziationen:

"Da wollte er eben, dass ich auch an seinem Glied lutsche. Und ich weiß noch ganz genau, wie groß das war, einfach riesig, und auch so hoch für mich als Drei-, Vierjährigen. Damit ich dann nicht schmecke, wie widerlich das schmeckt, hat er mir einen Lolli in die Hand gedrückt. Er hat mir den Lolli mit dieser Begründung gegeben. Es kostet mich unheimliche Überwindung, das Wort 'lutschen' auszusprechen. Wenn ich sage, dass ich ein Eis lutsche, wird mir schon übel" (N.N., zit. n. Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 60f.),

"She said, 'I am your mother,' in a stern voice, and I was supposed to obey her and do what she demanded. 'Mother' is a dirty word to me. It was dirty; she was dirty; I was dirty",

"'Let's play.' That's how it would always begin. His game, his rules. So now I hear that I still feel myself shiver. It's like Jack Nicholson in that movie (The Shining) when he says, 'Here's Johnny.' It still can get to me. Let's play" (beide N.N., zit.n. Grubman - Black 1990, 96ff.).

Außenstehenden erscheinen Schutz- oder starke emotionale Reaktionen als unangemessen oder eigenartig. Professionelle sollten gerade hier besonders aufmerksam sein, diese Zeichen ernst nehmen und in ihre Arbeit miteinbeziehen. Häufig vermeiden Überlebende -auch unbewusst- bestimmte Situationen, Plätze oder Gesprächsthemen, um nicht wieder mit ihren Erlebnissen konfrontiert zu werden. Andere haben Rituale entwickelt, um sich unter bestimmten Bedingungen (weiterhin) sicher zu fühlen:

"Whenever I visit a new place, like a museum or a concert hall or a theater or even a strange home, I always check out the exits. I have been to know how to get out before I am comfortable because I am deathly afraid of being trapped and not knowing how to save myself" (N.N., zit. n. Grubman - Black 1990, 36).

 

4.3.7 Andere psychische Störungen

Schlafstörungen, Alpträume, Stottern, Depressionen oder depressive Verstimmungen sind gleichermaßen Symptome, von denen etliche Betroffene berichten. Bedingt durch Ängste, Selbstzweifel und Ablehnung begleiten sie viele Missbrauchsopfer über lange Zeiträume (s. a. Kap. 4.4). Ich möchte an dieser Stelle einige Aussagen sexuell misshandelter Männer zu den o. g. Schwierigkeiten wiedergeben:

"Ich hatte wahnsinnig viele Alpträume. Der schlimmste Traum war, dass das ganze Bett voller Schlangen ist. Ich bin aufgewacht, und ich habe sie immer noch gesehen. Ich habe die Augen zugemacht, und sie waren sofort wieder da. Diesen Alptraum hatte ich ständig. Es gab noch andere furchtbare Alpträume, die mich über Jahre hinweg verfolgt haben. Dieser Schlangentraum hat mich ständig verfolgt... Ich denke, es gab wohl eine Verbindung zwischen diesem großen Glied und diesen armdicken Schlangen. Warum sollte ich sonst so etwas geträumt haben" (N.N., zit. n. Glöer / Schmiedeskamp - Böhler 1990, 73).

"It's my mood swings that really get in the way. I get very depressed and anxious. There are days at a time, when I can't move, when I can't seem to get off to work" (N.N., zit. n. Grubman - Black 1990, 65).

"I lost my voice. I mean, I stopped talking most of the time. I became afraid to say anything because his threats plus his strength terrified me, so I became very careful" (N.N., zit. n. Grubman - Black 1990, 127).

Neben den bisher aufgeführten Persönlichkeitsstörungen leiden viele missbrauchte Männer auch unter Neurosen, Psychosen, Schizophrenie oder Störungen im Sozialverhalten. Mehrere amerikanische Studien belegen dies nicht nur, sondern weisen auch eindeutig ein häufigeres Auftreten als bei Nichtbetroffenen nach (vgl. Beitchman et al. 1992, 111; Watkins / Bentovim 1992, 222ff.). Ich möchte dieses Kapitel hier bis auf einige Bemerkungen zur Schizophrenie nicht weiter vertiefen.

Einige Opfer können ihre Empfindungen nicht in ihre Persönlichkeit integrieren. Sie sind zu bedrohlich. Um zu überleben, spalten sie sie ab, verdrängen sie oder ordnen sie imaginären Personen zu:

"I developed pretend characters who became part of me. That's called multiple personalities. I kept mine till I was about thirteen. I think by that age I was feeling safer, but I got ahead of myself. These characters had names too: Elizabeth and Victoria. They were sisters. And I was them and they were me” (N.N., zit. n. Grubman - Black 1990, 55).

Mittlerweile findet dieser Zusammenhang immer mehr Beachtung. TherapeutInnen nehmen häufiger wahr, dass Menschen, die multiple Persönlichkeiten entwickelt haben, sexualisierte Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit oder Jugend machen mussten. Selbst in der Literatur zu sexuellem Missbrauch taucht dieser Aspekt jetzt häufiger auf (vgl. Davis 1992, 237ff.).

 

4.4 Psychosomatische Probleme

Es gibt eine Reihe von seelischen Konflikten, die sich über den Körper ausdrücken. Bei Opfern sexueller Gewalt finden sich vor allem Essstörungen, Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Allergien, Hautprobleme, Sexual-, Schlaf- und Sprachstörungen oder -verweigerungen, Lähmungen und ein gestörtes, manchmal aggressives Verhältnis zum eigenen Körper wieder (s. a. Kap. 4.3.4; 4.3.7).

Insbesondere psychosomatische Beschwerden wie Kopf-, Magen- oder Rückenschmerzen bleiben den Betroffenen wie auch ihren behandelnden ÄrztInnen oder TherapeutInnen oft unverständlich. Aber auch unter Atem-, Verdauungs- und Unterleibsbeschwerden leiden viele Opfer sexualisierter Misshandlungen, ohne dass ihnen die Ursache dafür bekannt ist. Zum Teil treten diese Schmerzen periodisch, zum Teil in Abhängigkeit zu bestimmten Auslösern auf.

            So kann ich mich gut daran erinnern, dass ich als Jugendlicher jahrelang unter starken Kopfschmerzen gelitten habe. Heute weiß ich, dass sie unbewusst Ausdruck meiner Angst vor meinem Vater waren. Vermutlich ließen sie dann nach, als ich begann, mich meinem Vater gegenüber zu behaupten.

Psychosomatische Symptome sind aber nicht zwangsläufig mit Schmerzen verbunden. Männer, die als Kinder sexuell missbraucht wurden, berichten häufig von sexuellen Schwierigkeiten, wie zum Beispiel Erektions- und Ejakulationsproblemen oder vorzeitigem Orgasmus (vgl. Watkins / Bentovim 1992, 226). Sie haben Sexualität als einen "Vorgang" kennengelernt, bei dem sie "funktionieren" mussten. Dementsprechend sind spätere sexuelle Kontakte oft mit großer Unsicherheit und innerer Anspannung verbunden. Ein Mann meinte dazu:

"It's hard to be passionate when you're trying to maintain control" (N.N., zit. n. Lew 1988, 185; vgl. Davis 1992, 31; 157ff.).

Sexuelle Störungen dieser Art haben sicherlich fast  immer psychische Ursachen, dennoch ordne ich sie hier der Psychosomatik zu, da sich die dahinter verbergenden Konflikte durch oftmals nicht zu steuernde, körperliche Reaktionen offenbaren. Dazu zähle ich auch Symptome wie Schlaf- und Sprachstörungen oder das Tourette - Syndrom, das ich im Laufe der Zeit entwickelt habe.

 

4.5 Schlussbemerkung

Vergewaltigte Männer haben viele Probleme. Manchmal leiden sie aber nicht nur unter den Folgen, die sich - im Zusammenspiel mit anderen Faktoren - mittelbar oder unmittelbar auf die Konflikte zurückführen lassen, die durch den sexuellen Missbrauch erzeugt wurden. Gerade dann, wenn sie infolge dieser erlebten Gewalt ein Verhalten entwickeln und nach den Kriterien leben, die für sie wichtig sind, stoßen sie häufig auf Abwehr, Angst und Unverständnis. Zum Teil erleben sie immer wieder Ablehnung und Diskriminierung. Schwule und Männer, die dem geforderten Rollenbild nicht entsprechen, machen diese Erfahrungen. Alkoholiker, drogen- und andere suchtabhängige, ängstliche, verstörte oder hilfesuchende Männer werden ebenfalls mit Vorurteilen konfrontiert, was ihre Situation meistens verschlimmert.

Das gleiche gilt für Männer mit Behinderungen. Unabhängig davon, ob die Behinderung in Zusammenhang mit dem Missbrauch steht (möglich ist das z.B. bei Asthma, Allergien, Depressionen, psychischen Behinderungen, Stottern und dem Tourette - Syndrom), oder ob sie vor oder nach den Misshandlungen durch andere Einflüsse entstanden ist: Behinderte Männer widersprechen den Vorstellungen von Männlichkeit, die vor allem mit Stärke, Macht, uneingeschränkter Leistungsfähigkeit und -bereitschaft verknüpft sind, denn Behinderung wird mit Hilflosigkeit und Schwäche assoziiert. Es ist leicht vorstellbar, dass das diskriminierende Verhalten anderer die Ängste und Unsicherheiten betroffener Männer noch verstärken kann.

Ich habe meinen Missbrauch überlebt. Seit meinem sechsten Lebensjahr gebe ich besonders aufmerksamkeitswirksame Zeichen von mir, die einerseits "Hilferufe" waren, denn sie sollten andere auf meine Not hinweisen, und die andererseits heute noch die Funktion haben, meine ständige innere Anspannung abzubauen. Lange Zeit sind sie einfach als psychische Erkrankung deklariert worden, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, die Ursachen meines Verhaltens nicht bei mir zu suchen. Daher habe natürlich auch ich fortwährend geglaubt, die Ursprünge meiner seltsamen Zeichen lägen in mir selbst begründet.

            Mein aggressives und autoaggressives Verhalten wurde nie akzeptiert, geschweige denn, verstanden. Es wurde abgelehnt, "bekämpft" und ich werde bis heute diskriminiert. Das half mir nicht, im Gegenteil: Es verunsicherte und behinderte mich zusätzlich. Heute kann ich mir (meist) den Raum nehmen und die Bedingungen schaffen, die ich brauche, um mich wohl zu fühlen. Es war ein weiter Weg, und nach wie vor habe ich oft das Gefühl, dass ich noch lange nicht da bin, wo ich hin möchte.



5. Hilfsangebote für sexuell missbrauchte Männer

Die Probleme kindlicher und jugendlicher Überlebender sexualisierter Gewalt setzen sich im Erwachsenenleben oft fort. Viele Gefühle und Situationen lösen immer wieder Unsicherheit, Scham, Aggressionen oder Panik aus. Während mittlerweile mehr und mehr Hilfsangebote für betroffene Frauen und Kinder entstehen, werden Männer nach wie vor nicht als Opfer sexueller Misshandlungen gesehen. Dementsprechend gibt es in Deutschland auch keine Organisationen, die betroffene Männer professionell bei der Verarbeitung des sexuellen Missbrauchs und der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten unterstützen.

            Nötig sind Angebote, die die teilspezifischen Probleme von sexuell misshandelten Männern wie beispielsweise sozialisationsbedingte Identitätskonflikte oder die häufige Weitergabe der Gewalterfahrungen berücksichtigen.

Es gibt nur wenige Anlaufstellen, an die sich sexuell ausgebeutete Männer wenden können. Dies sind in erster Linie Krisenberatungszentren, psychologische Dienste oder Männerbüros, die aber meist nicht themenspezifisch arbeiten. Problemorientierte Angebote existieren nicht. Mittlerweile entstehen Selbsthilfegruppen für männliche Opfer sexueller Gewalt, von denen es in Deutschland bisher etwa zehn gibt.

Weder in der politischen, noch in der öffentlichen Diskussion werden Hilfsangebote für sexuell missbrauchte Männer gefordert. In der sozialen und pädagogischen Arbeit wird dieser Aspekt sexueller Gewalt meist ebenfalls übersehen.

Der Grund liegt nach meiner Auffassung in dem vor allem von Männern wenig kritisierten Männerbild unserer Gesellschaft, in dem schwache, hilfebedürftige Männer keinen Platz haben. Dazu beigetragen hat wohl auch, dass Männer in aller Regel nur als Täter, nicht als Opfer Beachtung finden.

Hilfen sind dringend erforderlich und müssen in die klinischen und sozialen Bereiche der Gesundheitsdienste integriert werden. Sie sollten Angebote für Beratung und Therapie beinhalten - nicht nur für die betroffenen Männer, sondern auch für deren FreundInnen und Familien, denn die werden mit einer Tatsache konfrontiert, die Laura Davis für die PartnerInnen von Überlebenden so formulierte: "Du musst dir klarmachen, dass es auch dein Problem ist" (1992, 46).

 

Nachwort

Mich haben viele Berichte betroffener Männer beeindruckt. Das Nachwort möchte ich einem Mann überlassen, dessen Geschichte mich besonders berührt hat. Ich bewundere, dass er den Mut gefunden hat, über seine Erlebnisse zu sprechen und sie anderen mitzuteilen. Ich habe mich wohl deshalb für ihn entschieden, weil mir die ambivalenten Gefühle, die er schildert, sehr vertraut sind und ich mich ihm dadurch nahe fühle. Seine Erzählung fand ich in dem Buch 'Verlorene Kindheit' von Nele Glöer und Irmgard Schmiedeskamp - Böhler (1990, 87ff.). Ich werde hier Teile ihres Interviews mit diesem Mann unkommentiert wiedergeben.

 

"...Auf jeden Fall habe ich diese Frau nach der Bundeswehrzeit geheiratet und damit fing der zweite Teil der  Geschichte an. Das ist dann eine Wechselwirkung zwischen ihr und mir gewesen. Allerdings hat der ins Unterbewusstsein verdrängte Missbrauch auch eine Rolle  gespielt. Sie war meine erste Freundin. Vor der Ehe hatten wir keinen direkten sexuellen Kontakt, also Geschlechtsverkehr, sondern nur ein bisschen Petting. Ich war ihr erster Freund. Wir waren beide wirklich unerfahren. Es fing an in der Hochzeitsnacht, als ich eigentlich das Gefühl hatte - und das war schon der erste Fehler -, dass sie mir als Frau zur Verfügung steht. Sie hat sich total gewehrt gegen mein Eindringen. Sie hat sich geweigert und gejammert und gewimmert: 'Mama, hilf.' Das war die erste kalte Dusche. Es hing alles zusammen. Die mangelnde Erfahrung mit Mädchen, die Sache mit dem Pastor und der erste Missbrauch. Ich habe zu dieser Zeit angefangen zu studieren, und das Informatikstudium ist nicht ganz so einfach. Manchmal wissen Sie nicht mehr, was Sie machen sollen. Ein Jahr hatten wir überhaupt keinen Geschlechtsverkehr. Sie sagte immer: 'Nein, ich will nicht, das tut weh.' Als ich mal mit ihr gesprochen habe, um zu klären, wie es weitergehen soll, hat sie mir den Vorwurf gemacht, dass ich nicht stark genug wäre. Ich muss dazu sagen, ich sehe mein Verhältnis zu Frauen mehr auf der Basis der Zärtlichkeit. Die Frau ist für mich nicht auf die Vagina reduziert, wichtig ist für mich der ganze Mensch. Ich habe immer gemerkt, wie sie sich zurückgezogen hat, und ich habe mich danach selbst total zurückgezogen. Und dann ging nichts mehr. Ich kann das nur mit Gefühlen machen. Ohne ein inneres Gefühl zu einem weiblichen Wesen läuft bei mir gar nichts. Als sich die Situation später zugespitzt hat, habe ich es mal mit Prostituierten versucht. Das war ein Desaster, weil das Gefühl fehlte.

            Meine Frau hat mir also den Vorwurf gemacht, ich wäre nicht stark genug, und ich müsste ein bisschen brutaler sein. Da hat sie eigentlich schon die Weichen gestellt. Ich bin bis heute nicht dahinter gekommen, was sie bewogen hat, sich von mir zurückzuziehen. Irgendwas stimmte da auch nicht hundertprozentig. Auf jeden Fall ging die Sache so weiter, und nach einem Jahr ist sie dann, ohne mich zu fragen, zum Frauenarzt gegangen und hat sich von dem entjungfern lassen. Ich sah bei meinen nicht verheirateten Kommilitonen, wie die Freundinnen in die Übungen hereinkamen, ihnen um den Hals fielen, sie abknutschten, so richtig zärtlich und lieb - und ich hatte zu Hause Schwierigkeiten, überhaupt mit meiner Frau zu einer intimen sexuellen Beziehung zu kommen, die man sich unter einer Ehe ja vorstellt. Dann passierte etwas am gleichen Tag - ich sage ja, mein Leben besteht nur aus diesen Knotenpunkten -, ob das nun Zufall ist oder nicht. Da gab es in der Nähe von der Ingenieurschule eine kleine Firma, die machte Blaupausen für die Studenten. [...] Es war in dieser Firma sehr voll wie immer zu Semesterende. Ich setzte mich hin, mit meinen Transparenten unter dem Arm, und las in irgend so einem Käseblatt. In dieser Zeitschrift war ein Bericht über Folterungen von Frauen in Chile, der, wie es in manchen Medien üblich ist, reißerisch aufgemacht war. Da wurde sehr ausführlich geschildert, wie man eine Frau foltert. Aber wie gesagt, ausgereizt. Ich habe dagesessen und habe gelesen, wie man eine Frau fertigmachen kann, nackt gefesselt, genau, wie es mir damals passiert ist. Da wird in der Vagina rumgebohrt und alles mögliche. Da brauchen wir jetzt nicht ins Detail zu gehen. Ich habe dagesessen, und in diesem Moment hat sich bei mir etwas Wesentliches verschoben.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich eine Erektion  bekommen habe, als ich das gelesen habe. Einmal das Unterbewusste, was ich damals noch nicht kannte, dass mir das zwar nicht so brutal, aber brutal genug in ähnlicher Form widerfahren ist, und zu Hause eine Frau, mit der ich sexuell nicht klarkam, einen Haufen Probleme am Hals und das Studium. Das muss man ja noch dazusehen. Das schüttelt man nicht aus dem Ärmel. Ich habe das  noch und noch mal gelesen und wurde immer erregter bei der Schilderung dieser Möglichkeiten, eine Frau fertigzumachen, zu quälen. Ich bin an diesem Tag nicht mehr  zur Schule gegangen. Ich habe meine Blaupausen machen lassen, habe sie abgegeben und bin in einem fast geistig verwirrten Zustand nach Hause gefahren. In meinen Gedanken ging alles kreuz und quer. Sie sagte zu mir, ich sei nicht hart genug, und das und dieses und jenes. Sie kam nach Hause von ihrem Frauenarzt und hatte einen kurzen Rock an, und ich habe das Blut runterlaufen sehen. Da hat sie wohl nicht aufgepasst. Und da hat es bei mir dann ausgesetzt. Seit dem Zeitpunkt war das Verhältnis zu meiner Frau, man kann sagen, nur noch brutal. Also, am Anfang weniger, da habe ich sie halt geschüttelt und gemacht und gemeckert. Nun war sie entjungfert, und dann hat es plötzlich geklappt. Diese Situation hat sich über die Jahre hinweg immer mehr verschärft. Mal war es wieder zärtlich, mal wieder brutal. Aber das hat sich nach ungefähr zehn Jahren dazu ausgeweitet, dass ich meine Frau nackt gefesselt im

 Keller an die Wand genagelt habe. Es waren totale Vergewaltigungen gegenüber meiner Frau. Es kam immer wie ein Schub. Ich bin ja nicht immer durch die Wohnung gerannt und habe geguckt, was machst du jetzt und wie und so. Das hat sie mir auch mal gesagt, dass sie das nicht begreift. Ich sei ein so netter Mensch. Wir hatten nun auch Kinder. Ich sei ein so lieber Vater und würde mich um alles kümmern. Und als sie einmal weggelaufen ist zu ihrer Mutter, zusammen mit den Kindern, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat, und die Wohnung sauber und aufgeräumt war, die Tiere der Kinder versorgt waren, als sie zurückkam, hat sie gesagt, sie begreift es nicht. Sie begreift es nicht, dass sich diese beiden Seiten in einem Menschen vereinen lassen. Und ich habe es auch nicht begriffen, muss ich ehrlich sagen. Daran bin ich fast zerbrochen.

[...] Es war entsetzlich für mich. In dem Moment, wo ich sie gegriffen, an den Händen gefesselt, ihr die Kleider vom Körper gerissen und sie ausgepeitscht habe, ihr weh getan und sie ganz brutal genommen habe, auch sehr gemein genommen habe, in dem Moment war das, als wenn man mich unter Strom gesetzt hätte. Aber wenn der Samenerguss vorbei war, wie auch immer, dann war ich für ein paar Minuten praktisch wie "out of order", und danach habe ich gesehen, was ich angerichtet habe und war wieder ich selber. Ich habe sie in den Arm genommen, sie gewaschen und so, aber das macht eine Frau natürlich nicht mit. Ich bin an dieser Tatsache, dass ich von meinem Gefühl der Frau gegenüber eigentlich eine sehr positive Einstellung habe, sie gern haben möchte, zärtlich sein möchte, und dass dann immer wieder das andere durchbrach, was passiert ist, und was ich damals noch nicht wusste - an diesen Dingen bin ich zerbrochen. Ich bin halb zugrunde gegangen. Ich habe mich davor gefürchtet, dass es wieder passiert, weil ich nicht anders konnte. Ich habe Selbstmordversuche begangen, ich habe mir Luft in die Adern gespritzt und eine Embolie bekommen. Damals hat mich meine Frau da rausgeholt. Das hat sie gerade noch mitbekommen. Ich habe gesagt: 'Ich will nicht mehr, das halte ich nicht mehr aus.' Sie hat die Initiative ergriffen und hat gesagt, es ginge nicht mehr, weil die Kinder das zum Teil auch mitkriegten. Es ist ja ekelhaft eigentlich. Die kriegten das sogar sehr deutlich mit. Sie hat im Telefonbuch nachgeguckt, hat den ersten Psychiater, den sie gefunden hat im Alphabet, angerufen und hat gesagt: 'Mein Mann vergewaltigt mich und bringt mich um.' Er hat gemeint, dass ich freiwillig kommen müsse, er mich nicht dazu zwingen könne. Da ich zu der Zeit keinen Ausweg aus der  Situation sah, habe ich gesagt:  'O.k., versuchen wir es mal.' Und der hat es geschafft, über zweieinhalb Jahre hin, mit sehr vielen Rückfällen, dass wir rausgefunden haben, warum das so gelaufen ist. Das kam dann alles an die Oberfläche. In der Zwischenzeit ist meine Frau im Frauenhaus gewesen, und durch diesen Arzt hat sie mich verhaften lassen, also Schutzhaft auf deutsch gesagt. Als es gar nicht mehr ging, als ich nicht mehr fähig war, 'Ja' oder 'Amen' zu sagen, wurde ich in die Psychiatrie eingeliefert. Ich habe den Arzt selber angerufen und gesagt, dass diese Nacht irgendetwas passiert. 'Entweder bringe ich mich oder meine Frau um, ich bin's leid, ich bin das Leben leid.' Da hat er mich in die Psychiatrie bringen lassen, zu meinem Schutz, und hat den Leuten klargemacht, dass sie mir nicht irgendwelche Tranquilizer spritzen, sondern auf ihn warten sollten. In dieser einen Nacht kam das zutage, da kam alles raus. Er hat mir irgendwas gespritzt, ich weiß nicht was, hat es aber damit geschafft, dass diese Erinnerungen wieder an die Oberfläche kamen. Und seitdem es da ist, kann ich es verarbeiten. Es verflacht jetzt wieder so langsam. Ich bin dann ein paar Wochen dort geblieben, um wieder auf die Füße zu kommen. Allerdings war zu dem Zeitpunkt unsere Ehe leider kaputt. Sie war auch nicht mehr zu reparieren. Meine Frau war längst weit von mir entfernt, das können Sie sich ja vorstellen. Das ist nicht mehr zu reparieren, so etwas. Wir haben uns dann scheiden lassen. Jetzt haben wir zwar ein nettes, freundschaftliches Verhältnis zueinander, aber... Das hat mich meine Ehe gekostet, durch die ganzen Umstände auch meinen Beruf, meine Stellung.

[...] Ich habe nicht gewagt, während der Zeit, in der ich durch Arbeitslosigkeit finanziell am Boden lag, eine Beziehung einzugehen, aber ich werde mich jetzt darum kümmern. Ganz langsam, das ist eine ganz klare Sache, denn so gefällt es mir nicht. Ich habe keine Bedenken mehr, irgendwas in dieser Hinsicht zu unternehmen. Aber es war nah dran, dass ich an diesen Folgen zugrunde gegangen wäre. Wir haben jetzt eine Zeitspanne von fast zehn Jahren übersprungen. Da bin ich immer am Flughafen in diese Pornoshops gegangen, habe mir die Filme angesehen, Bücher gekauft und diese Kontaktheftchen. Es gibt eine Subkultur, das ist wahnsinnig. Da gibt es ein Heft, das heißt 'Sklavenmarkt'. Darin bieten sich Männer und Frauen nackt und gefesselt als willige Objekte an. Das muss man sich mal vorstellen! Das ist irgendwie ein Zwang gewesen, dahin zu fahren und mir dort auf meine Weise sexuelle Befriedigung zu verschaffen. Bei meiner Frau kriegte ich es ja nicht mehr. Als ich das gesehen habe, bin ich verrückt geworden. Ich sage das nicht gerne, aber als ich zum ersten Mal dieses Heft in der Hand hatte, den 'Sklavenmarkt', der erscheint alle Vierteljahre in Deutschland, da habe ich eine Anzeige aufgegeben, dass ich mich unterwerfen wollte, egal wem. Da kam diese Neigung wieder durch. Ob Mann, Frau, Gruppe, nackt, gefesselt, völlig egal. Ich habe Fotos von mir selbst gemacht, als ich nicht mehr wusste, wie ich überhaupt noch klarkommen sollte. Ich bin in den Keller gezogen, habe die Tür hinter mir zugemacht und habe gesagt, sie sollten mich die nächsten zwei Tage zufriedenlassen, um das abzuarbeiten. Ich habe Fotos gemacht, das ist der absolute Exzess. Ich habe Frauenkleider angezogen, mich selbst mit Schnüren gegeißelt, dass mir das Blut hinten runterlief, und ich habe mir Nägel durch die Hinterbacken gezogen. Das war diese Zwiespältigkeit. In diesem Moment habe ich dabei Gefühle gehabt, auch eine Erektion. Und je schlimmer, desto schöner. Und auf der anderen Seite eine absolute... - was machst du hier eigentlich? Mit dem Verstand ist das nicht mehr nachvollziehbar. Aber da war immer noch der Verstand dazwischen..."

 

Literaturverzeichnis

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Erklärung:

Die vorliegende Arbeit habe ich selbständig und ohne unerlaubte Hilfe angefertigt.

30.03.1993

 

(Lothar Schwalm)