Meine Texte zum Nachlesen:

Ohnmacht

Ohnmacht oder: Die Erinnerung

Ich liege mitten in meinem Zimmer auf einer Matratze. Mein Bett ist unbenutzt. Es ist Nacht. Ich kann nicht sagen, ob ich schlafe oder wache. Auf einmal höre ich meinen Vater mit einem Freund von ihm die Treppe herauf kommen. Sie reden leise. Er zeigt ihm das Haus und die Zimmer der einzelnen Familienmitglieder. Die Tür zu meinem Zimmer steht auf. Ich bin mucksmäuschenstill und stelle mich schlafend. Mein Vater tritt mit seinem Freund in meine Tür, zeigt auf mich und flüstert seinem Freund zu: „Hier schläft der Lothar!“ Der Freund nickt. Dann gehen beide weiter in das daneben liegende Arbeitszimmer meines Vaters.

Ich mache die Augen wieder auf, schaue auf mein leeres Bett und beschließe, schnell das Lager zu wechseln, ohne dass es jemand hören kann. Ich schlüpfe nackt in mein Bett und kann nicht sagen, ob ich mich zudecke. Ich lege mich auf den Bauch und versuche zu schlafen. Die Zimmertüre ist jetzt angelehnt. Ich spüre, dass ich Angst davor habe, dass mein Vater wieder in mein Zimmer kommt. Deswegen bin ich ganz leise, versuche mich kaum zu bewegen. Plötzlich kommt mein Vater wieder ins Zimmer. Als ich das höre, stelle ich mich sofort wieder schlafend in der Hoffnung, dass ihm mein Schlaf heilig ist. Als er mich so sieht, geht er zurück in sein Arbeitszimmer. Er quatscht mit seinem Freund.

Plötzlich ist meine Nachttischlampe an und ich lösche schnell das Licht, bevor mein Vater mitbekommt, dass ich doch nicht schlafe. Ich rucke im Bett hin und her, wackele mit dem gesamten Bett und habe Angst, dass mein Vater das mitbekommt. Das Bett schlägt rhythmisch gegen die Wand am Kopfende. Ich höre ihn kommen. Da steht er auch schon wieder in der Tür und sieht nach mir. Ich bin ganz steif, wage kaum zu atmen. Zum Glück verschwindet mein Vater wieder. Dann läuft auf einmal der Fernseher, der meinem Bett gegenüber auf meinem Schreibtisch steht. Eine kurze Weile sehe ich zu, dann ziehe ich schnell den Stecker aus der Verlängerungsschnur, damit es wieder ruhig wird. Ich hoffe, er hat es nicht gehört. Wieder und immer noch habe ich große Angst, dass mein Vater merkt, dass ich eigentlich wach bin. Doch er kommt schon wieder. Diesmal steht sein Freund neben ihm in der Tür. Beide sind nackt. Mein Vater kommt zu mir ans Bett, beugt seinen Kopf über mich und streichelt mir mit seiner rechten Hand übers Gesicht. Er sagt irgendetwas zu mir und zu seinem Freund. Ich stelle mich schlafend und imitiere ein Schnarchen. Ich glaube nicht daran, dass es mich retten wird, doch es rettet mich.

Mein Vater und sein Freund verschwinden wieder. Ich bin erleichtert und öffne wieder die Augen. Auf einmal bekomme ich mit, wie meine Mutter im Zimmer ist. Bei ihr ist ein kleines afghanisches Mädchen. Meine Mutter zeigt ihr Sachen aus Afghanistan und gibt ihr anschließend eine kleine Flöte. Das Mädchen beginnt auf der Flöte zu spielen und probiert sie aus. Am unteren Ende der Flöte guckt ein schmaler Holzzylinder aus der Flöte heraus. Während das Mädchen weiter die Flöte ausprobiert, drückt meine Mutter mit der einen Hand den Holzzylinder in die Flöte hinein und meint: „Schau mal!“ Dabei entlockt sie der Flöte ein trillerndes Geräusch. Sofort habe ich wieder Angst, dass mein Vater das Trillern gehört haben könnte und so ist es auch. Ich bin wieder mucksmäuschenstill, schließe schnell die Augen, da steht mein Vater auch schon im Zimmer. Ich bin froh, dass meine Mutter im Zimmer ist. Sie weist meinen Vater an, leise zu sein. Das afghanische Mädchen ist fort und auch meine Eltern sind auf einmal verschwunden.

Die Szene wechselt. Ich befinde mich plötzlich in einer Küche. Um mich herum stehen vereinzelt Schränke und Küchenmöbel. Ich fühle mich klein und benebelt. Irgendwie kann ich nichts so richtig klar wahrnehmen. Auch um die Küche herum scheint nichts weiter zu existieren. Irgendwie drehe ich mich verloren um meine eigene Achse und lehne dabei abwechselnd an verschiedenen Schränken. Ich kreise in der Küche umher. Mir ist sehr schwindelig. Ich spüre eine große Angst davor, dass jetzt endlich Szenen meines Missbrauchs vor mir auftauchen. Innerlich zittere ich. Rechts von mir neben der Küche sehe ich meine Eltern. Meine Mutter und mein Vater streiten. Meine Mutter scheint überlegen zu sein und geht ein paar Schritte weg. Mein Vater geht hinterher und fordert sie gestikulierend und lautstark zum Sex auf. Meine Mutter weist ihn ab. Sie verfallen in ein Wortgefecht und meine Mutter bleibt distanziert. Dann ist sie auf einmal weg. Auch mein Vater verschwindet irgendwie…

…bis er plötzlich vor mir steht. Ich habe Angst, große Angst. Ich will nichts sagen und fürchte, dass jeden Moment die Erinnerung an den Missbrauch über mich hereinschwappt. Endlich die Erinnerung! Endlich was Konkretes! Aber ich will nicht. Ich habe Riesenangst. Ich will nichts sagen, ihn nicht konfrontieren. Ich will mein letztes bisschen Macht über ihn nicht verlieren. Ich erinnere mich daran, wie er noch eben meine Mutter bedrängt hat und dann bricht es plötzlich aus mir heraus. Es ist gewaltig und ich habe das Gefühl, nur noch aus Energie zu bestehen:
Ich nehme in sekundenschnelle das Saugrohr eines Staubsaugers samt Düse und schlage damit mit voller Wucht auf den Kopf meines Vaters ein. Ich schlage und schlage mit der Düse auf seinen Kopf, bis er immer kleiner wird. Immer wieder und wieder. Mein Vater wehrt sich nicht. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Mein Vater ist weg. Ich bin völlig benommen und benebelt, fühle mich ohnmächtig. Mein Gesicht fühlt sich völlig taub an, so, als habe mann mir mit einem schweren Gegenstand mitten hinein geschlagen, als sei ich mit voller Wucht vor eine Wand gelaufen. Ich habe keine Bilder in mir. Aber ich bin stolz auf mich, dass ich den Mut hatte, alles raus zu lassen, dass ich bereit war, alles zu sehen, zu ertragen, ihn zu konfrontieren. Noch immer spüre ich die Taubheit in meinem Gesicht, einen schmerzlosen Schmerz. Dann wache ich auf und bin unendlich froh, dass es nur ein Traum war…

ls



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