Meine Texte zum Nachlesen:

Vergeben und verzeihen?


Ich soll vergeben und verzeihen –
irgendwann, jetzt, immerzu –
den Schmerz loslassen,
das Geschehene geschehen sein lassen,
nicht immerzu dran denken,
es abhaken…

immer öfter begegnen mir diese worte,
von freunden, von kollegen höre ich sie
und ich frage mich:
wie soll das gehen?

ich, der ich es bis heute nur
ansatzweise geschafft habe,
meiner unbändigen wut
mal freien lauf zu lassen,

ich, der ich nur selten in der lage bin,
meinem ärger, zorn und meinen aggressionen
mal ausreichend raum zu geben
und meinen unmut in die welt zu schreien,

ich, der ich diese lebenserfahrungen
als kaum so prägend und verletzend,
ja – geradezu zerstörerisch – empfinde,
wie irgendetwas anderes in meinem leben,

ich soll ihm vergeben und verzeihen, was er getan hat.

und seit ich diese sätze höre,
spüre und merke ich:
ich will das nicht –
ich kann das nicht.

zu groß sind noch immer der schmerz, die wut, der ärger,
zorn und hass, die enttäuschung, die scham und schande,
die verzweiflung und der vertrauensmissbrauch,
den er mir angetan hat.

und nach wie vor habe ich das gefühl:
es gibt da nichts zu verzeihen,
schon gar nichts zu vergeben
und erst recht nichts zu vergessen.

wie soll ich diese gewalt vergessen,
wo jeder einzelne tic und laut
mich täglich und tausendfach daran erinnert?
diese überbleibsel meiner kaputten kindheit,
diese relikte all des schmerzes und des grauens?

sie lassen mich noch heute überleben
und sind noch heute – zum teil stille –
zeugen meiner geschichte.
wie könnte ich da je vergessen,
was damals geschehen ist?

ich muss ihm nicht verzeihen,
ihm nicht: ich muss mir verzeihen!
muss mir verzeihen,
dass ich so lange geschwiegen habe,
ihn geschützt habe,
dass ich daran gezweifelt habe,
ob ich noch immer
wütend und verzweifelt sein darf,
ich muss mir verzeihen,
dass ich mich aufgrund der erteilten gebote
so lange schon so schlecht gefühlt habe,
dass ich immer noch so große probleme habe,
mal gnadenlos wütend und ärgerlich zu sein,
meinen ganzen hass und meine verzweiflung
ohnmächtig herauszuschreien.

ich kann das erlebte nicht mehr vergessen,
nachdem ich es bereits zwanzig jahre geschluckt
und verdrängt habe,
jetzt endlich ist es präsent,
das geheimnis ist gelüftet,
er ist als täter entlarvt.
und ich will diese vergangenheit auch nicht vergessen:
zu wertvoll und mahnend ist sie mir geworden.

ich werde ihm nicht vergeben und nicht verzeihen,
zu beschwichtigend und verharmlosend
erscheinen mir diese handlungen,
zu groß und zu bedeutend ist die verantwortung,
die er hätte übernehmen müssen.

ich werde mir die freiheit nehmen und behalten,
mir diese geschichte jederzeit anzugucken,
in dem rahmen, in dem es mir hilfreich
und heilsam erscheint,
in dem es mir guttut,
werde mich bestimmt auch zukünftig
nicht unnötig in meinem schmerz suhlen.
das brauche ich nicht.
das habe ich auch nicht nötig,
und das tut mir auch nicht gut.
aber ich werde mir meine vergangenheit anschauen,
wenn es mir sinnvoll erscheint und hilft.

und ich werde wütend und stinkig sein,
wenn ich diese gefühle in mir spüre.
ich werde nicht ihm verzeihen,
ich werde mir verzeihen,
dass ich so lange und so oft
auf andere leute gehört habe,
und nicht auf mein innerstes selbst,
dass ich geglaubt habe,
frei und unbeschwert leben zu können,
wenn ich ihm eines tages
all seine schandtaten vergeben
und verzeihen würde.

pustekuchen!

ls.

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