Meine Texte zum Nachlesen:

Bye bye, Tourette!?

Nach wenigen Tagen der Spannung und Vorbereitung
ist es morgen so weit:
Ich werde ausprobieren, ob sich einige meiner Tics
als Manifestationen einst sinnvoller biologischer Sonderprogramme
mithilfe kleiner Experimente wieder auflösen lassen.
Ich will meinem Körper und meinem Gehirn klarmachen,
dass ich diese einstigen Lösungen heute nicht mehr brauche,
dass sie von nun an überflüssig sind, keinen Sinn mehr machen.
Vielleicht kann ich mich morgen von einigen wenigen Tics verabschieden.

Das, was Dutzende von Ärzten und Therapeuten
nicht bewerkstelligen konnten,
was Tausende von Pillen nicht vermochten,
schaffen morgen möglicherweise zwei junge Männer,
die sich mit mir gezielt darauf vorbereitet haben:

Beide sind weder Ärzte noch Therapeuten oder Heilpraktiker,
haben aber neben einer Menge Sympathie und Humor
einen guten Sachverstand, Menschenkenntnis
und das nötige Einfühlungsvermögen, um Menschen wie mich
entsprechend anzusprechen und einzuladen.

Ingmar hatte mich vor einer Woche angemailt
und sein Tourette-Forschungsprojekt vorgestellt.
Und ich war von Anfang an so begeistert,
dass ich mich spontan entschloss, mitzumachen.
Nun, nach fünf, sechs Tagen des Ausfüllens zahlreicher Fragebögen
und eines intensiven Austausches
haben wir drei uns für morgen verabredet,
um einige Experimente durchzuführen,
um zu sehen, ob sich dadurch womöglich
einzelne Tics auflösen lassen.

Besonderes Augenmerk wird dabei auf meinem ersten
und ältesten Tic liegen: Meinem Augenblinzel-Tic.
Vielleicht entstand das zwanghafte, abwechselnde
schnelle Schließen und wieder Öffnen der Augen
aus einem elterlichen Gebot,
abends nach dem Schauen des Sandmännchens
nun schlafen gehen zu sollen und die Augen zu schließen,
oder schließen zu müssen, während ich viel lieber noch aufgeblieben wäre…

Vielleicht können wir diesen ersten motorischen Konflikt auflösen,
indem mir meine Mutter heute noch mal die Erlaubnis gibt,
so lange aufbleiben zu dürfen, wie ich Lust habe,
wenn wir diese Szene von früher morgen Mittag am Telefon nachstellen.
Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob dieses Experiment funktioniert,
und meine Blinzel-Tics daraufhin verschwinden.

Sollten wir drei morgen mit einem oder
mehreren Experimenten Erfolg haben
und einigen meiner Tics den Boden
der Sinnhaftigkeit entziehen können,
könnte es sein, dass wir versuchen werden,
weitere Tics und Zwänge zum Verschwinden zu bringen.
Vielleicht kann ich dann eines Tages wirklich sagen:
Bye bye, Tourette, …
…und das mit zwei lachenden Augen…

ls

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