Textkunst von Andrea

Die Tasche in ihrem Kopf

Sie hat Glück.

Sie ist gesund. Ihre Familie ist gesund.

Menschen lieben sie.

Es gibt Menschen, die sie liebt.

Sie hat genug Geld.

Sie kann Essen kaufen.

Und Kleidung. Und die Miete zahlen.

Im Winter hat sie es warm.

Im Sommer kann sie im Schatten sitzen.

 

Trotzdem hat sie Angst im eigenen Land.

Denn sie ist eine Frau.

 

In ihrem Land gibt es Menschen,

die gegen Gleichberechtigung sind.

Sie finden, Frauen sollen kochen und putzen.

Sie sollen auf die Kinder aufpassen.

Sie sollen sich um die Männer kümmern.

Frauen sollen wieder den Mund halten.

Es gibt sogar Menschen, die drohen Frauen.

Sie drohen mit Schlägen.

Sie drohen mit Verachtung.

Sie drohen mit Vergewaltigung.

Sie werden wieder lauter.

 

Frauen müssen für ihre Rechte kämpfen.

Immer und immer wieder neu.

Das weiß sie schon lange.

Aber diese Angst!

Die hätte sie nicht für möglich gehalten.

Und manchmal möchte sie nur noch weg.

Denn sie hat Angst im eigenen Land.

 

Sie ist Mutter.

Sie hat einen Sohn.

Er ist weich und warm.

Er hat ein großes Herz.

Er kann lieben.

Voll Leidenschaft.

Tief.

Und ganz.

 

Sie hat Angst um diesen wunderbaren Menschen.

Sie hat Angst, jemand schickt ihn in den Krieg.

Sie hat Angst, dass sie das nicht verhindern kann.

Angst, dass Krieg ausbricht.

Auch hier. Auch in Deutschland.

In ihrem Heimat-Land.

 

Menschen müssen den Frieden achten.

Immer und immer wieder neu.

Das weiß sie schon lange.

Aber diese Angst!

Die hätte sie nicht für möglich gehalten.

Und manchmal möchte sie nur noch weg.

Dann packt sie im Kopf eine Tasche.

 

Sie lebt mit einer Behinderung.

Alle können es sehen.

Ohne Rollstuhl ist sie hilflos.

Es gibt Menschen, die beschimpfen Behinderte.
Krüppel! Idiot! Spast!

Diese Menschen leben hier.

In ihrem Heimat-Land.

Sie sind wieder Deutsch.

 

Sie wollen Behinderte zählen.

Registrieren.

Abschaffen.

Sie sagen wieder offen: Behinderte sind zu teuer.

Die sollen wieder weg-gesperrt werden.

Erste Gesetze wurden dafür geändert.

Sie machen ernst.

 

Behinderte Menschen müssen für ihre Rechte kämpfen.

Immer und immer wieder neu.

Das weiß sie längst.

Aber diese Angst!

Die hätte sie nicht für möglich gehalten.

Und manchmal möchte sie nur noch weg.

Und dann überlegt sie: Wo kann sie hin?

Und dann packt sie im Kopf eine Tasche.

Denn sie hat Angst im eigenen Land.

 

Sie lebt mit einer Frau.

Sie liebt sie innig. Sie küsst sie. Gern und oft.

Sie schläft mit ihr.

Doch Menschen sagen wieder offen,

dass Lesben krank, unnormal und ekelhaft sind.

Sie leben hier. In ihrem Heimat-Land.

Sie wollen wieder sagen, was normal ist.

Wieder werden Lesben und Schwule

auf der Straße beleidigt und geschlagen.

 

Lesben müssen für ihre Rechte kämpfen.

Immer und immer wieder neu.

Sie weiß das.

Aber diese Angst!

Diese furchtbare Angst,

die hätte sie nicht für möglich gehalten.

Und manchmal möchte sie nur noch weg.

Und dann überlegt sie: Wo kann sie hin?

In welchem Land ist sie sicher?

Als Frau. Als Mutter. Als Behinderte. Als Lesbe.

Als Mensch.

Dann packt sie im Kopf ihre Tasche.

Denn sie hat Angst im eigenen Land.

 

Es ist ihr Land. Ihre Heimat.

Deutschland.

Dieses Land, das so viel Leid verbreitet hat.

Ihr fällt es schwer, dieses Land als Heimat zu bezeichnen.

Denn sie erinnert sich,

wozu wir Menschen in Deutschland fähig waren.  

Und sie hat Angst. Und sie will weg von hier.

Und sie fragt sich: Wo kann ich hin?

Dann packt sie im Kopf eine Tasche.

 

Eine Tasche, in die alles passt.

Essen. Trinken. Warme Kleidung. Medikamente. Ein Buch.

Fotos der Menschen, die ihre Heimat zur Heimat gemacht haben.

Und vielleicht, ganz vielleicht auch ein Kuscheltier.

 

Sie kann sich auch woanders zu Hause fühlen.

Bei Menschen, die sie liebt.

Bei Menschen, die sie lieben.

Zum Leben braucht sie keine Heimat.

Also packt sie im Kopf eine Tasche.

Denn sie hat Angst im Heimatland.

 

Und dann macht der Sohn einen Scherz.

Und dann kämpfen junge Menschen für eine gesunde Umwelt.

Und dann streichen die Katzen um ihre Beine.

Und dann entscheidet ein Gericht klug.

Und dann kommen Freunde in ihr Haus.

Und sie trinken Kaffee und reden vom Glück.

Und dann nimmt die Liebste sie in den Arm.

 

Und ganz vorsichtig packt sie die Tasche wieder aus.

Die Tasche in ihrem Kopf.

Dass ihre Heimat auch ihr Zuhause bleibt.

 

September 2024