Meine Texte zum Nachlesen:

Nacht

Die Nacht

Dann habe ich noch einen anderen Traum, eine andere Vision von einer Nacht. Ich stehe im Schatten einer mondlichtbeschienenen Straße. Ich bin mir der Anwesenheit eines anderen Menschen bewusst, aber wer das ist, kann ich nicht recht erkennen...

...alles was ich sehe, ist dampfender Nebel, der langsam aus den Kanaldeckeln emporsteigt, um sich dann in Nichts aufzulösen. Ich fühle die Nähe einer Person, die ich zu kennen glaube, und doch macht sie mir Angst. Die Kälte dieser Nacht lässt mir das Blut fast in den Adern gefrieren. Aber auf eine seltsame, mir unerklärliche Weise fühle ich mich wohl und geborgen, in dieser Nacht ohne Klarheit und Wärme. Aus meinem schützenden Versteck heraus werfe ich einen Blick die Straße hinunter, eine Straße wie ein Lebensweg: hell beschienen und ohne zu wissen, wo sie hinführt. Plötzlich höre ich ein monotones Geräusch. Es klingt wie ein Schlurfen. Als ich meinen Kopf drehe, kann ich erkennen, wie ein Mann am anderen Ende der Straße langsam auf mich zukommt, sein Gesicht schwarz wie ein Schatten.
            Mir läuft ein Schauer über den Rücken und auf einmal friere ich, wie ich nie zuvor gefroren habe. Meine Beine wollen weglaufen, aber irgendetwas hält sie fest. Ich brauche ein paar Sekunden, bis mir klar wird, dass ich selbst es bin, der mich daran hindert. Der Schatten des Mannes wird immer länger, je näher er kommt. Jetzt frage ich mich zum ersten Mal, ob er überhaupt zu mir will oder vielleicht zu der Person, deren Anwesenheit ich nur vage spüre. Und wo ist sie? Ich sehe mich kurz um, aber ich sehe niemanden. Ich verstehe es nicht. Die Schritte werden immer lauter. Der Schatten zieht sich jetzt durch die ganze Straße. Ich zittere leicht und bin mucksmäuschenstill. Der Fremde bleibt plötzlich stehen – etwa 30 Meter vor mir. Nichts passiert.
            Der Ruf eines Käuzchens lässt mich völlig angespannt zusammenfahren. Schweiß läuft mir ins Gesicht. Erneut schrecke ich zusammen, als der Vogel mit schnellen Flügelschlägen davonfliegt. Im grellen Mondlicht kann ich ihn gut erkennen. Als mein Blick sich wieder dem Fremden zuwendet, traue ich meinen Augen nicht: Vor ihm steht ein Mann, der Mann, der mir so vertraut vorkommt, der mir Angst macht und dem ich mich nahe fühle. Ich muss zweimal hinschauen, um mir zu glauben, dass ich mich wirklich nicht täusche. Er muss aus dem Nichts gekommen sein. Ich verstehe es wieder nicht. Weit und breit gibt es keinen Unterschlupf bis auf die unbeleuchtete Ecke, in der ich stehe. Aber er steht tatsächlich vor ihm.
            Die beiden sprechen kein Wort. Sie sehen sich an und scheinen sich mit den Augen zu verständigen. Dann dreht sich der Mann aus dem Nichts langsam um und zieht sich aus. Ich frage mich, ob er sich nicht zu Tode friert und dann wird mir erst klar, dass sich morgens um vier auf einer einsamen, aber hell erleuchteten Straße ein Mann vor den Augen eines Fremden auszieht. Als er fertig ist, tritt der andere einen Schritt heran. Ich höre einen Reißverschluss zippen. Mein Verstand appelliert an mein Gehirn, ich möge aufwachen. Nichts tut sich. Ich schließe die Augen, um diese Vision aus meinem Kopf zu vertreiben, aber sie hält sich hartnäckig. Ein paar Mal öffne und schließe ich die Augen, reibe sie mit den Fingern, aber ich sehe die beiden noch immer. Leises Keuchen dringt zu mir herüber. Die Arme um den Hals des Fremden geschlungen, sehe ich, wie sich der Atem des nackten Mannes aus dem offenen Mund in die Nacht verflüchtigt.
            Völlig steif vor Kälte und die Finger verkrampft, versuche ich zu verstehen, was hier überhaupt vor sich geht. Als mir klar wird, dass sich da ein Mann von einem anderen nehmen lässt, dass er sich ihm völlig hingibt, dreht sich mir auf einmal alles. Mir wird schwindlig und ich habe das Gefühl, mich zu verlieren. Endlose Sekunden verstreichen, bevor ich mich wieder fange. Als ich auf die Straße blicke, ist der nackte Mann verschwunden. Der Fremde steht da, wie er gekommen ist; sein Gesicht noch immer schwarz.

Auf der anderen Seite sehe ich plötzlich noch jemanden. Er steht kaum erkennbar in einer Hausecke. Der Schatten schluckt ihn fast völlig. Warum habe ich ihn vorhin nicht gesehen? Ich verstehe gar nichts mehr. Ich schaue genauer hin und erkenne meinen Hut. Er trägt denselben, wie ich. Auch sein Mantel und sein Gesicht ähneln meinem. Habe ich einen Doppelgänger? Ich versuche, etwas zu entdecken, was mich von ihm unterscheidet. Dann merke ich, dass auch das Haus hinter ihm das gleiche ist.
            Ein unheimliches Gefühl steigt in mir hoch. Bin ich es? Und wenn er ich ist, wer bin ich dann? Träume ich alles nur? Bin ich hier oder dort, oder beides? Der Schweiß steht mir im Gesicht und trotzdem glaube ich, jeden Moment zu erfrieren. Ich kann nicht länger hinschauen. Fast ergreift mich Panik. Ich drehe mich um zur kalten Wand, um das alles zu vergessen. Da steht der Fremde vor mir – groß und mächtig, sein Gesicht gleicht einem leblosen Schatten. Für einen Augenblick bleibt mir das Herz stehen. Ich denke noch: "Jetzt sterbe ich." Aber ich sterbe nicht.
            Die Augen geschlossen, oder besser, fest verschlossen, spüre ich seine Gegenwart: Er ist da, vor mir, hinter mir, über mir, in mir, überall. In mir. In mir? Langsam erkenne ich, wo ich bin, dass ich auf der Straße stehe. Auf der Straße? Ich sehe an mir herunter. Meine Kleider liegen auf dem Asphalt. Ich habe nichts mehr an, völlig nackt, völlig nackt stehe ich hier auf dem kalten Asphalt in dieser kalten Nacht mit dem Fremden vor mir. In mir ein Gefühl, als würde ich mich auflösen, als würde ich vor Angst und Ohnmacht zerfließen.
            Ich brauche lange, unendlich lange, bis ich merke, dass ich es bin, der hier steht, dass ich es war, der gekeucht hat, der sich von dem Fremden nehmen ließ. Vorsichtig drehe ich mich um, suche meinen Doppelgänger. Er ist verschwunden. In der Ecke kann ich niemanden mehr entdecken. War er gar nicht da? War ich er? Wie kann ich erst dort und dann hier sein? Oder habe ich mich getäuscht? Meine Sinne sind wie betäubt. Ich nehme nichts mehr wahr. Allmählich tauche ich in eine dunkle Wolke ein. Irgendwie treibe ich davon...

Als ich aufwache, bin ich schweißgebadet. Ich versuche, mich zu orientieren, und nach und nach wird mir bewusst, dass ich in meinem Bett liege, zerzaust und erschöpft. Ich erinnere mich an jedes Detail: die Kälte, die Nacht, der Fremde, das Käuzchen, der Mann, der da war, unsichtbar, dann aus dem Nichts auftauchte und sich plötzlich auszog, der mir Angst machte, dessen Anwesenheit mich aber auch wohlfühlen ließ, der mir unbekannt und vertraut zugleich war... Erst später wird mir klar, dass er und ich eins sind, dass er einer meiner verborgenen Männer war...

ls



Zurück