Meine Texte zum Nachlesen:

Deine Mutter - meine Mutter

Deine Mutter ist gestorben,
vor Wochen schon,
und ich stehe da und sehe zu
sie starb in hohem Alter,
vielleicht nicht einmal unerwartet,
und während Du trauerst,
bin ich sprachlos
sie ging fort, plötzlich,
und während Du weiter funktionierst,
schweige ich,
weiß nicht,
was ich sagen soll.
Was macht mich so sprachlos?
Mich, der ich sonst nicht gerade
auf den Mund gefallen bin?
Du sagst mir,
dass es Dich verletzt hat –
mein Schweigen.
Und damit gehst Du
mir nicht mehr aus dem Kopf
Ich glaube Dir und bin froh,
dass Du den Mut hattest,
mir das zu sagen.
Bin froh, dass Du
Dein Schweigen brechen kannst –
vielleicht kann ich es jetzt auch,
nachdem mich die Gedanken an Dich
den ganzen Tag
nicht mehr losgelassen haben.

Ich spüre meine Angst, jetzt,
wo ich diese Zeilen schreibe,
spüre die eigene Angst
vor dem Tod meiner Mutter.
Der Tod meiner Mutter
ist für mich etwas so Unvorstellbares,
etwas so unglaublich Schmerzhaftes,
dass ich mich nur selten
mit dieser Vorstellung konfrontieren kann.
Ich glaube, der Tod Deiner Mutter
hat mich an die Sterblichkeit
meiner eigenen Mutter erinnert
…und mich zum Schweigen gebracht.

Diese Angst,
den liebsten Menschen zu verlieren,
den ich habe,
meine Mutter,
die Frau, die mich geboren,
geliebt, groß gezogen hat,
und mich bis heute liebt und unterstützt,
diese Angst ist so unglaublich mächtig,
wenn ich auf dieses Thema gestoßen werde,
dass ich am liebsten fliehen möchte.
Doch Du hast mir gezeigt,
dass ich nicht fliehen kann
und auch nicht zu fliehen brauche,
denn der Tod ist nicht nur
unfassbar und endgültig,
sondern auch menschlich und natürlich –
ohne Tod kein Leben.

Wenn ich den Tod
als Lebensthema annehme,
dann brauche ich davor
nicht mehr wegzulaufen.
Das habe ich heute von Dir gelernt,
liebe Hanne.
Und dafür danke ich Dir.
Und am liebsten möchte ich Dich
jetzt nochmal ganz fest umarmen…

ls



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