Textkunst von Fikria

Kraft der Stimme

Kraft der Stimme - Die Geschichte von Fikria

Grafik: Fikria hält auf dem Cover oben den Talker in Händen, darunter in gelber Schrift: "Kraft der Stimme".
Fikria's Buchcover

Aus dem Inhalt:

  1. Mein Weg zum Talker
  2. Schulzeit
  3. Hindernisse wollen übersprungen werden
  4. Auf schmerzhafte Situationen reagieren
  5. Meine Talkerstunden mit Julian
  6. Tipps zur Förderung zur Nutzung des Talkers im Alltag
  7. Mein Bekannter aus Italien
  8. Musik ist die gemeinsame Sprache
  9. Meine Reise nach Paris
  10. Aktuelles
  11. Schön solo – und glücklich!
  12. Mein bester Freund – der Talker. Immer auf meiner Seite!
  13. Nur wer seinen Wuscht kennt findet den weg!
  14. Spendenaufruf für eine arme Familie in Marokko
  15. Nur Mut – Sprüche fürs Leben

 

  1. Mein Weg zum Talker

Mein Name ist Fikria Aab-Baz, ich wurde 1983 in Marokko geboren und wohne in Essen.

Ich möchte über mich und meine Kindheit erzählen, darüber zumindest, was ich mich noch erinnern kann:

Ich bin gesund in Marokko geboren. Als ich zwei Jahre alt war, emigrierte meine Familie nach Deutschland. wir sind alle mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen. Damals wurden hier dringend Arbeiter gesucht und die deutsche Regierung hat ausländische Arbeitskräfte angeworben. Dadurch hat mein Vater eine Arbeitsstelle als Gastarbeiter in einem Fischgeschäft bekommen und meine Familie nach und nach aus Marokko nach Deutschland geholt, wo wir alle einen Pass bekommen haben. Als ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern im Flugzeug war, wurde ich auf einmal krank. Ich musste gereckt nach der Landung ins Krankenhaus könnte auch auf einmal nicht mehr laufen. das hab ich aber in Krankenhaus wieder gelernt das laufen.

Kurz nach unserer Ankunft erkrankte ich an einer Gehirnentzündung namens Herpes-simplex-Enzephalitis. Ich wurde umgehend in ein Krankenhaus gebracht, wo ich mehrere Monate lang behandelt wurde.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass meine Eltern mich täglich besuchten und mir oft etwas zu essen mitbrachten. Die Untersuchungen zeigten, dass ich ein Herpes-simplex-Virus in mir trug, was zu der besagten Krankheit führte. Die Erkrankung war für meine Familie eine schockierende Nachricht, unter der sie extrem litt - war ich doch zuvor ein lebhaftes und kerngesundes kleines Mädchen gewesen.

Ich war schon damals eine Kämpferin, doch die Infektion hinterließ ihre Spuren – und das nicht zu wenig. So musste ich im Krankenhaus das Laufen neu erlernen und erlitt als Folge der Infektion eine bis heute gebliebene Lähmung im Mundbereich. Diese Lähmung zeigt sich in Schluck- und Kaustörungen, sowie in Bewegungsstörungen von Lippen und Zunge. Was für andere Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, fällt mir dadurch extrem schwer: Essen, Trinken und verständliches Sprechen.

Die Kommunikation war seit jeher sehr schwer für mich. Ich konnte zwar sprechen, aber es erforderte gefühlte Tausend Wortwiederholungen, bis mein Gegenüber mich verstand. Das war für beide Seiten sehr anstrengend und frustrierend. Meine Schulzeit war daher eine harte Zeit für mich. Mein Vater musste häufig zu Gesprächen in die Schule kommen, weil ich Probleme hatte oder wieder eine schwierige Situation aufgetreten war. Niemand verstand mich, deshalb habe ich versucht, mich auf eine andere Weise verständlich zu machen und nutzte meine Körpersprache.

Ich war oft verzweifelt, weil mich die anderen Kinder so ärgerten. Im Streitfall bekam ich oft die alleinige Schuld zugesprochen, weil ich mich nicht besser verständigen konnte, obwohl ich nichts Falsches gemacht hatte.

Als Jugendliche wurde ich von meinen Mitschülern oft beim Essen ausgelacht, da ich aufgrund meiner Schluckbeschweren nicht „normal“ essen konnte. In der Folge verlor ich das Essen wieder aus dem Mund und bekleckerte meine Sachen wie ein Baby, das das Essen noch nicht gelernt hat.

Wenn die Lehrer nicht anwesend waren, hatte ich einen harten Leidensweg zu beschreiten und erfuhr immer wieder Mobbing. Allmählich wurde ich immer isolierter und so zum Außenseiter.

Was ich damals erlebte, hat mich für mein weiteres Leben geprägt. In meinem Inneren staute sich im Laufe der Zeit eine unheimliche Wut an; oft bin ich irgendwann regelrecht explodiert.

Nach und nach hörte ich auf, vor Anderen zu essen. Ich schloss mich auf der Toilette ein und aß dort mein Brot. Wenn ich es einmal zeitlich nicht geschafft habe, in den Pausen auf der Toilette zu essen, habe ich mein Toastbrot zu Hause unterm Bett versteckt, damit meine Mutter nichts merkt. Irgendwann fand meine Schwester die Brote und fragte, was das zu bedeuten hätte. Ich sagte, ich hätte keinen Hunger gehabt und wollte keinen Ärger zu Hause, deshalb hätte ich sie dort versteckt.

Von meinem Taschengeld habe ich mir öfters Joghurt gekauft und ihn zu Hause heimlich gegessen, wenn ich alleine war. Ich habe immer aus dem Fenster geschaut und auf den Bus geachtet, ob meine Mutter aussteigen würde, die Zeiten hatte ich im Kopf. Irgendwann ging das Ganze schief, meine Mutter und Schwester kamen nach Hause, ich hab den Joghurt schnell hinter der Eingangstür versteckt. Als die beiden die Tür zumachten, sahen sie den Joghurt und fragten, warum er dort stehen würde. Was dann passiert ist weiß ich nicht mehr.

Von Mitschülerinnen und Mitschülern folgten Attacken, in der Schule hetzten die anderen gemeinsam gegen mich. Ich wurde oft ausgelacht, weil ich nicht reden kann und wurde von den anderen gehänselt und meine Art zu sprechen wurde von den anderen nachgemacht.

Meine Wunden rissen immer weiter auf. Das hat mich sehr mitgenommen, ich konnte mich nicht wehren. Als sie zu weit gegangen sind, habe ich mich körperlich gewehrt.

Ich weiß, dass das nicht richtig war, aber wie sollte ich mich denn wehren? Die haben mich psychisch kaputt gemacht und immer wieder ausgelacht und mir immer wieder an allem die Schuld in der Schule gegeben, da ich nicht reden konnte!

Ich war immer schon isoliert und eine Einzelgängerin.

Stell dir vor, du bist irgendwo und niemand sieht dich an. Du bist behindert und sie lassen es dich merken. Die ganzen Schikane, damit du ja nicht zu ihnen hin willst und ihnen nahe kommst. In der Schule wurde ich von meinen Klassenkameraden gehänselt und unterdrückt. Mir war klar, dass die sich mit mir nicht abgeben wollten. Eine ganze Schulzeit, ohne dass mal einer zu mir hingesehen hat!
Ich will wohl bemerkt hiermit nicht über die Schule an sich schlecht reden, die ich damals besuchte, im Gegenteil, sie war eine gute Schule, Hatte auch gute Zeiten, und mit ein bis zwei Schüler kam ich auch gut klar.
aber so sind halt Schüler und Schülerinnen in diesem Alter: Sie finden einfach ihren eigenen Spaß und sie fühlen sich dadurch stark, indem sie einfach eine schwächere und einsame Person auslachen. ich konnte eben nicht reden, konnte daher nicht wie jeder andere auch, mit meinen Lehrern über mein Problem reden.
Es war die Hölle, wenn meine Mitschüler mal Interesse an mir hatten, dann nur um mich zu verletzen. Irgendwann haben sie das auch erreicht. Meistens sagten sie Sachen wie: „Du sabberst, warum sabberst du eigentlich immer?“ und „Rede mal ordentlich!"

Vielleicht war ich nicht mutig genug, weil ich dachte, sie sind hübscher als ich, ich war einfach zu schüchtern und zurückhaltend. Viele schämten sich für mich und wollten nichts mit mir zu tun haben, daher saß ich immer alleine in der Ecke und war sehr traurig.

Ich gehe immer davon aus, dass die anderen mit mir nichts zu tun haben wollen, darum traue ich mich nie, irgendjemand in den Pausen anzusprechen und das Sprechen fiel mir schon immer schwer. Das hat mich sehr gequält.

Mein gesamtes Leben lang bin ich schon allein, aber meine Einsamkeit ist nicht freiwillig.

Nach außen hin denken alle, dass alles in Ordnung ist, aber nicht in meinem Inneren.

 

  1. Hindernisse wollen übersprungen werden

In diesem Beitrag möchte ich versuchen, deutlich zu erklären, wie es ist, im Alltag, in den unterschiedlichen Alltagssituationen, mit einer Sprachbehinderung zu leben, ganz besonders wenn man wie in meinem Fall fühlt, wirklich vieles zu kommunizieren zu haben.

Der Alltag ist meistens voll Hindernisse, und es sind leider die Menschen, nicht alle, aber viele, die auf unseren Weg diese Hindernisse stellen. Die Menschen nehmen sich leider nicht oder nicht gern die Zeit, uns geduldig zuzuhören mit der Folge, dass wir vieles, was wir gerne kommunizieren würden, dann in uns reinschlucken müssen. Dabei steigt in uns oft eine innere Wut, man wird mehr und mehr überempfindlich bis man irgendwann wie ein Vulkan plötzlich explodiert.

Noch etwas was uns meistens wütend stimmt, ist dass wir – da wir leider nicht richtig sprechen können - sehr leicht schlechthin auch als Personen gehalten werden, die auch wenig verstehen können. Bei der Arbeit werden wir daher völlig unterfordert, es werden uns einfach nur babyleichte Aufgaben erteilt.

Elf Jahre lang habe ich zum Beispiel in einer Werkstatt gearbeitet, wo ich und andere Personen mit Behinderung aber oft einfach nur da saßen, nutzlos, stundenlang. Meine einzige Motivation im Laufe dieser langen Zeit, täglich zur Werkstatt zu gehen, waren meine „Talker-Stunden“, das heißt die „Talker-Stunden“, die ich jedes Mal zweimal in der Woche gab, mittwochs und donnerstags von 10 Uhr bis 11 Uhr.

In diesen zwei Stunden brachte ich nämlich anderen Talker-Nutzern die Benutzung des Talkers bei, damit sich ihre Kommunikationsmöglichkeiten bessern konnten. Aber auch diese Aufgabe, die mir immer größte Freude bereitete, musste ich mir lange erkämpfen.

So ist es, dass ich bei der Werkstatt, wo ich gute elf Jahre gearbeitet habe, sehr oft mich nur gelangweilt habe. Am schlimmsten war es, da wir die ganze Zeit in der Werkstatt einfach nichts zu tun hatten und nur da rum saßen. Es gab keine Aufträge mehr, wurde uns gesagt. Ich hätte viele Ideen gehabt, aber meine Leiter dort hatten für meine Ideen eher nie ein offenes Ohr und zeigten sich meiner Meinung nach nicht offen für Neues. Die warteten eher nur passiv und hatten – so habe ich es zumindest immer empfunden - keine Lust und Motivation, uns zu unterstützen. Gerade da, bei diesen Situationen war ich, waren wir eigentlich alle, sehr frustriert.

Die Zeit verging einfach nicht, man hatte das Gefühl, die Uhr würde ständig zurück gedreht, die Zeit bliebe still. Es war uns peinlich zu empfinden, dass uns unser Gehalt einfach nur für die reine Anwesenheit gegeben wurde und nicht für die Erledigung einer motivierenden und kreativen Aufgabe, die wir auch gern erfüllt hätten, hätten wir nur die Chance gehabt, auch mal mitzureden.

Unser Gehalt war fast einfach pures „Schmerzengeld“. Alles andere, wie zum Beispiel wir uns dabei fühlten, war unseren Leitern offensichtlich nicht wichtig. Echt schade, da die Leiter sich selbst auf diese Weise tierisch langweilten.

Diese Zeit ist für mich jetzt seit langem vorbei, irgendwann hat man mich aus der Werkstatt rausgeschmissen, weil ich ab einem bestimmten Tag aufgehört hatte, dort einfach zu erscheinen.

Seitdem bin ich leider arbeitslos, jetzt seit nunmehr 5 Jahren, obwohl ich so gerne einen wahren Job, oder ein Praktikum oder auch eine ehrenamtliche Tätigkeit möglicherweise im Bereich der Unterstützten Kommunikation, am liebsten bei Kindern ausüben würde.

Seit meine Kündigung bin ich eben ständig auf der Suche nach einem Job gewesen, oder nach einem Praktikum, oder nach einer Stelle, wo ich ehrenamtlich aushelfen konnte, ich habe mich in jedem Bereich beworben wie z. B. in Poststellen, bei Läden, in Altenheimen, als Zeitungszustellerin, als Reinigungskraft sogar bei allen Talker-Herstellerfirmen, etwa in Bochum, Duisburg, etc. wie auch in Kindergärten, aber auch da habe ich wenn dann nur Absagen bekommen! Von allen bekam ich zu hören, ich sei nicht qualifiziert, bzw. nicht genug. Man sagte mir: „wir melden uns“, kam aber dann von ihnen kein Signal mehr.

Und ich habe mich auch mehrmals in vielen Schulen beworben, sogar in anderen Städten und habe angeboten ehrenamtlich Talker-Schüler bei der Benutzung ihrer Talker zu unterstützen. Leider habe ich auf meinen Angeboten wenn dann immer nur freundliche Absagen bekommen, obwohl ich nie nach Geld fragte, immer mit dem Grund, dass ich dafür nicht richtig und nicht genug ausgebildet war. Oftmals kamen auch keine Antworten zurück, was ich immer als sehr schmerzhaft empfunden habe.

So gern hätte ich bei Schulen oder Kindergärten gearbeitet, da ich eben so gern Kinder mag. Auch einfach ehrenamtliche Aufgaben habe ich mir gesucht, aber immer vergebens. Ich bekam, wenn dann, einfach nur Absagen, worüber ich jedes Mal leicht aus Frust nur durchdrehen konnte.

Ich bekomme aus alle dem ein Gefühl, fast wahnsinnig zu werden, ich will nicht einmal Geld und nur weil ich eine Behinderung habe, die mich übrigens nur beim Reden beeinträchtigt - nicht aber beim
Arbeiten in vielen anderen Bereichen - denkt man schnell über mich: „Die kann nicht sprechen, die kann nichts!

Daran zerbricht meine Seele, es ist ein wahres Trauma für mich, ich kann niemals damit zurechtkommen. Denn das fügt sich anderen Traumata hinzu, die ich im Laufe meines ganzen Lebens zu leiden hatte.

Ich bin jetzt 35 Jahre alt und leide immer noch an vielen Situationen meiner Vergangenheit, meiner Kindheit und Jugendzeit. Seit immer leide ich an Einsamkeit, was mit der Zeit eher immer heftiger geworden ist, denn dabei hat sich eine starke Depression hinzugefügt und entwickelt. Ich konnte insbesondere wegen meiner Sprachbehinderung nie im Leben wahre Freunde haben, weil man sich unterwegs nicht leicht mit dem Talker unterhalten kann. Den habe ich ja übrigens sogar auch nicht immer dabei, denn er ist zum Beispiel beim Regen leicht zerbrechlich und einen neuen Talker könnte ich mir ganz sicher nicht mehr leisten! Der Talker ist mein eins und alles!

Oder wenn es zum Beispiel zu starkes Sonnenlicht gibt, kann ich den Talker auch nicht leicht benutzen, denn man sieht da nicht mehr klar den Bildschirm, ich vertippe mich leicht und alles wird sofort deutlich kompliziert. . oder in Dunkelheit sieht man auch nur sehr schwer wo was ist.

Und natürlich auch zum Sport kann ich ganz sicher meinen Talker nicht mitnehmen, nicht zum Schwimmen, nicht zum Joggen, oder bei Dehnübungen.
An diesen Situationen kann ich ganz sicher meinen Talker, der übrigens auch deutlich wiegt, nicht dabei haben. Aber an meinem beliebten Fahrrad fahren klapp es jetzt seit einem Jahr doch, mir fehlt nur Gesellschaft bei fahren um es zu nutzen, die habe ich leider so gut wie nicht.

Oder, wie es einmal vorkam – ich war bei der Gelegenheit in der Stadtbibliothek – hat man mir einfach gesagt, ich solle meinen Power-Talker ausstellen. Hier im folgenden – wie ich in meiner Webseite (www.talker-hilfe.de) schon berichtet habe, die Geschichte von jenem Tag und mein Stolz darauf, dass ich an dem Tag etwas gemacht habe, was ich nie gedacht hätte, ich wäre in der Lage zu tun. Ich habe mich einfach beim Geschäftsführer beschwert und habe dort endlich mal auch ein offenes Ohr gefunden.

Es war so: Ich hatte mich, so etwa vor 6 oder 8 Jahren, in der Stadtbibliothek in meiner Stadt mit einer Frau zusammen getroffen, die mich zum Thema Integrationshilfe interviewen wollte. Und klar, auf die Fragen meiner Interviewerin konnte ich nur mit Hilfe des Power-Talkers antworten, übrigens mit ganz normaler Lautstärke.

Sofort kam eine Mitarbeiterin der Bibliothek zu uns und forderte mich auf, die Lautstärke leiser zu stellen, was ich auch gemacht habe. Da kam sie aber sofort wieder und obwohl mein Power-Talker nunmehr so leise war, dass ich ihn kaum mehr hören konnte, sagte sie mir noch einmal, ich hätte den Power-Talker einfach noch leiser zu stellen. Dabei waren andere Personen, die sich im Saal unterhielten und hin und her liefen viel lauter als mein Talker, was anscheinend aber für dieselbe Mitarbeiterin dagegen in Ordnung war.

Was ich bei der Situation auch völlig unerträglich und schmerzhaft fand, ist das nicht ich direkt angesprochen wurde sonder meine Interviewerin, als sei ich für eine Person gehalten, die nichts verstehen kann.
Da die Bibliothekmitarbeiterin nicht weniger als fünf, sechs Mal zu uns gekommen war uns auffordernd, den Power-Talker immer leiser zu stellen, und obwohl der Interview eigentlich noch nicht zu Ende war, sagte meine Interviewerin irgendwann, dass wir fertig seien und dass wir gehen würden. Für mich was dabei wirklich die Grenze überschritten, ich wollte sofort klar machen, dass ich mir das nicht länger gefallen lassen wollte.
Ich wollte sofort deutlich klar machen, dass jeder das volle Recht hat, zu reden, ganz egal ob mit oder ohne Sprachbehinderung. Und dass ich volles Recht habe, mithilfe der Unterstützten Kommunikation, also des Talkers, zu reden. Mir war klar, dass für die Stadtbibliothekmitarbeiterin die Situation ungewohnt war, sicher hatte sie niemals zuvor einen Talker gesehen, womöglich hatte sie einfach auch einen schlechten Tag, dass hieß aber noch lange nicht, dass das ein Grund gewesen wäre, mir das Reden zu verbieten. Und folgendes tat ich daher, sobald ich mit meiner Interviewerin das Gebäude verlassen hatte. Ich ging wieder zum Bibliothekgebäude zurück, speicherte schnell in meinem Power-Talker einen Text hinein, ging wieder an die Rezeption, wo ich einen Angestellten dort so etwa wie folgt ansprach:

„Hallo! Wo finde ich hier den Geschäftsführer? Ich will mich sofort beschweren, weil eine Mitarbeiterin, eine Ihrer Kolleginnen, mich immer wieder aufgefordert hat, mein für mich notwendiges Sprachgerät leiser zu stellen, obwohl es schon sehr leise war. Gleichzeitig hatte sich aber dieselbe Mitarbeiterin nicht beschwert, als andere Leute sich im Saal laut unterhielten!“.

Bei meiner unerwarteten und energischen Beschwerde hatte der Mitarbeiter, an den ich mich gewandt hatte, erstmals geschluckt, ihm war die Situation sichtbar unangenehm. Er rief allerdings sofort den Geschäftsführer an, der auch plötzlich vor mir erschien.

Der Geschäftsführer war sehr nett zu mir, lud mich in sein Büro ein und ließ mich zu Ende reden und ausführlich erzählen, was mich so gestört hatte. Er zeigte sich selber gewundert, konnte selber auch nicht verstehen, wieso sich die Mitarbeiterin so unfreundlich gezeigt hatte, da - nach seinen Worten - die Stadtbibliothek großen Wert darauf läge, dass auch Personen mit Behinderung, egal welcher Art, sich dort wohl fühlen, wie etwa im Falle vom Rollsuhlgerechte Aufzug, oder von der Lesung für Gehörlose, etc.. Der Geschäftsführer selbst hat sich bei mir entschuldigt und mir wiederholt, dass das Verhalten der Mitarbeiterin nicht Ordnung gewesen war, und dass er noch am selben Tag mit ihr darüber sprechen würde. Dieses Gespräch mit dem Geschäftsführer der Stadtbibliothek fand ich toll, er stellte mich am Ende sogar auch Fragen über das Funktionieren des Power-Talkes, eines Geräts, das er nie zuvor gesehen hatte, interessierte sich für meine Situation. Das fand ich schön.

Das hatte mir echt viel Mut gekostet, mich zu beschweren, aber am Ende war ich stolz auf mich. Davor war ich eher bei solchen Situationen verschlossen geblieben, hatte immer eher meinen Frust in mich hineingeschluckt und war gelegentlich innerlich sehr wütend geworden. Jetzt nicht mehr, jetzt rede ich auch fremde Leute an, äußere einfach, was ich jeweils kommunizieren will.

Das ist ein Zeichen, dass ich große Fortschritte gemacht habe und immer noch Tag nach Tag mache. Seit ich zum Beispiel ehrenamtlich meine Talker-Schüler bei der Unterstützten Kommunikation helfe, sage ich auch ihnen immer wieder, dass sie Mut haben sollen, dass sie sich nie gefallen lassen müssen, von jemandem das Reden zu verbieten.

Es lohnt sich immer, sofort zu sagen, was einen stört, denn jeder hat das Recht, sich zu äußern und mitzureden. Nicht wir mit Unterstützter Kommunikation sind nicht in Ordnung, sondern das Verhalten etwa jener Stadtbibliothekmitarbeiterin an dem erwähnten Tag zumindest. Fakt ist, dass ich mir niemals mehr von wem auch immer das Reden verbieten lasse!

Leider haben wir Menschen mit Behinderung im Allgemeinen immer noch zu viele Barrieren und Hindernisse. Menschen, die nicht sprechen, sehen oder sich nur eingeschränkt bewegen können. haben es immer noch sehr schwer, sie werden oft ausgegrenzt!! Überall treffen wir auf Hindernisse, immer noch, trotz langer Reden zum Thema Inklusion.

Ich möchte gern ein Beispiel hinzu erwähnen, was ich meine. Einmal, es war Jahr 2014, hat das Studio eines Nationalen Fernsehsenders in Hamburg den Verein „evkirche-essen“ zu einer Sendung eingeladen. Thema war die Politik der Inklusion, da sich das Bundesreferat des Evangelischen Kirchenkreises meiner Stadt so für eine aktive Teilhabe am Leben seitens von uns Behinderten setzt. Darum hat der genannte Verein auch mich gefragt, ob ich gerne zum Fernsehstudio in Hamburg kommen wollte. Ich habe sofort ja gesagt, da das Thema Politik der Inklusion mich so interessiert. Gute neun Stunden lang sind wir dann nach Hamburg gereist, denn an jenem Tag war offensichtlich auf der Autobahn einfach nur ein Stau nach dem anderen.

Wo wir dann endlich im Hotel angekommen waren, hatten wir kaum noch zehn Minuten und uns umzuziehen, uns fertig zu machen und ein bisschen schick für die Fernsehsendung anzuziehen. Und so gingen wir schnell zum Fernsehstudio. Als wir aber beim Studio ankamen mussten wir sofort alles ablegen, was wir dabei hatten: in meinem Fall: Tasche, Jacke und was noch schlimmer war, wollten sie auch meinen Power-Talker in Empfang nehmen und mir nicht erlauben, ihn in die Sendung mitzunehmen. Und das obwohl die Frau des ev-Vereins, mit der ich dort, war mehrmals klar und deutlich erklärt hatte, dass ich solches Gerät unbedingt bei mir brauchte zum Reden. Am Ende einer langen Diskussion wurde mir nur unter der Bedingung erlaubt, den Power-Talker bei mir in der Sendung zu haben, dass ich das Gerät ausgeschaltet lasse und es irgendwie versteckt halte.

Ich konnte es kaum glauben: man wurde zu einer Sendung zum Thema Inklusion eingeladen und einem wurde nicht erlaubt, gerade das Gerät bei sich zu haben und zu benutzen, das einen ermöglicht, sich zu äußern und die eigene Meinung zu sagen. Na ja! Tolle Inklusion!!! Dachte ich in mir. Ich hatte bei der Gelegenheit so gern vorgehabt, mich bei der Diskussion zu melden, etwas aus eigener alltäglichen Erfahrung gerade zum Thema Inklusion zu berichten, aber die Chance bekam ich bei jener Sendung ganz sicher nicht.
Mir wurde faktisch verboten zu reden. Ich bereue heute noch, dass ich bei der so frustrierenden Gelegenheit nicht einfach den Power-Talker eingeschaltet habe und mich zu Wort gemeldet habe und einfach meine Meinung zum Thema gesagt habe. Alle anderen Zuschauer durften sich ja auch melden, haben das auch getan.

Nur ich durfte das nicht tun, denn dazu hätte ich unbedingt den Power-Talker gebraucht, warum hatte ich sonst das Gerät nach Hamburg mitgenommen? Einfach nur so, um es ausgeschaltet zu lassen?!! Das war eine Situation, die mich vollkommen enttäuschte, die ich als ungerecht und demütigend empfand. Sorry! Jeder hat das Recht zu reden, egal wie. Hätte ich gewusst, dass mein Talker draußen bleiben musste, wäre ich ganz sicher nicht nach Hamburg gefahren und in jenes Studio getreten.

Als ich am folgenden Tag zurück nach Essen fuhr, hatte ich zuerst einmal vorgehabt, mich schriftlich beim Fernsehsender zu beschweren, habe ich dann nicht getan.

Oder es gibt noch eine Episode, die ich gern erwähnen möchte: Ich war mit meinem Betreuer im Kino und hatte meinen Talker dabei. Plötzlich kam ein Mitarbeiter zu mir und fragte mich, was das für ein Gerät sei. Der hatte gedacht, ich nähme mit meinem Talker sogar den Film auf (Hihihi!). Mein Betreuer erklärte wieso ich so für ein Gerät bei mir haben musste und der Mitarbeiter sagte „Dann ist ja alles OK!“ und ging weg.

Infolge meiner Sprachbehinderung und der dazu verbundenen Schüchternheit hatte ich mein Leben lang keine richtigen Freunde. Ich weiß, es gibt ja jetzt das Internet, die digitale Welt, durch die man auch versuchen kann, Kontakte zu finden. Ich habe jetzt auch ein paar Schreibfreunde gefunden, mit denen ich allerdings nur schreiben kann. Im wahren Leben habe ich leider noch nie einen Freund oder eine Freundin gefunden, mit denen ich mich treffen kann oder etwas unternehmen kann.

Teilweise gibt es das Risiko, dass man im Internet Personen findet, die etwa nur sehr oberflächliche wenn nicht sogar kranke Wünsche äußern, an denen ich gar nicht interessiert bin und ich glaube jeder versteht, was ich meine.

Andererseits gibt es auch eine Menge Personen, für die meine Behinderung ein nicht überwindbarer Hindernis darstellt, einfach ein Problem, mit dem sie nicht zu tun haben möchten. Es ist mir schon mal etwa vor ein paar Jahren vorgekommen, dass ich mich mit einem damaligen Schreibfreund getroffen habe und sobald er mich angesehen hat, kam er mit meiner Behinderung nicht klar und seit damals wollte er einfach keinen Kontakt mehr. Das, weil das durch den Talker zu reden ganz anders ist, als normal zu sprechen. Alles geht viel langsamer vor, es dauert relativ lange, bevor ich etwa eine Meinung oder eine Bemerkung geäußert habe, was einer Gegenseite leider leicht etwas Langeweile verursacht. Darum komme ich im Allgemeinen beim Kommunizieren via E-Mail besser an, denn dabei habe ich alle Zeit der Welt und keiner redet dazwischen und die Kommunikation ist im Allgemeinen viel weniger kompliziert. Darum versuche ich immer, wenn ich mit anderen Leuten rede, meine Bemerkungen stichwortartig oder sehr kurz zu halten, damit meine Gegenseite keine Langeweile bekommt.

Dabei erinnere ich mich noch an andere Episoden. Vor etwa acht Jahren habe ich, versucht den Hauptschulabschluss zu erzielen. Bei der Schule dort war ich willkommen, auch mit meinem Talker. Nur gab es immer ein Problem: Der jeweilige Lehrer stellte eine Frage, ich hatte die Antwort auch gewusst, habe auch möglichst schnell versucht, die richtige Antwort in meinen Talker einzugeben. Aber die anderen Mitschülern waren immer noch viel schneller als ich. Und da hatte ich also alles umsonst so schnell in meinen Talker eingefügt. Da passierte immer wieder, dass ich einfach zu langsam sein musste. Und wenn ich auch bereit war, selber eine Antwort zu geben, hat es immer den einen oder den anderen gegeben, der sich dann vor mir zur Antwort gemeldet hat. Oder das Problem beim Vorlesen: Jeder sollte etwas vorlesen, ich habe dann auch immer versucht möglichst schnell den Text in meinen Talker zu schreiben und wenn ich dann dran gewesen war, haben die Lehrer immer jemand anderen gefragt weiter zu lesen, was für mich äußerst enttäuschend und frustrierend war.

Allmählich habe ich also angefangen, immer wo die anderen einen Text vorlasen diesen nicht mehr in meinen Talker zu schreiben. Und langsam habe ich auch einfach vorgezogen, das Ziel des Hauptschulabschlusses einfach zu vergessen und völlig zu vernachlässigen, da mir da einfach keine wahre Chance gegeben wurde, wie allen anderen auch zu lernen und mitzureden.

Vor kurzem, vor einigen Monaten, bin ich nach sehr langer Zeit wieder nach Marokko geflogen.
Dabei hatte ich auch meine große Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Erstens gab es mit der Fluggesellschaft ein ständiges hin und her. Die wollte nicht erlauben, dass ich meinen Talker beim Flug mitnehme, weil man sich mit einem solchen Gerät nicht auskannte und hatte sogar Angst das Gerät könnte den Bordcomputer stören. Aber Handy, oder Laptops darf man doch beim Flug bei sich haben, wieso mein Talker nicht, der eigentlich ein Computer ist?
Aber mein Arzt hat dann ein Schreiben verfasst, in dem er die Funktion des Talkers klar erklärt hat und den Grund warum ich den Talker immer bei mir haben muss. Durch dieses Schreiben habe ich endlich das OK der Fluggesellschaft bekommen.

Was mich am meisten sehr Leid tut und große Probleme bereitet, ist dass es so viele Programme, so viele Softwares in englischer oder in französischer Sprache gibt, keinen einzigen aber, der mir hilft, mich in meiner Muttersprache zu äußern. Meine Muttersprache, die die Berbische Tarifitsprache ist, ist auch die einzige Sprache, in der ich mich mit meiner eigenen Mutter und mit meinen Familienangehörigen in Marokko unterhalten könnte. Aber ein Software, der Texte automatisch vom Deutsch ins Tarifit übersetzt und sie dann auf Tarifit vorliest gibt es leider nicht. Ich habe es überall im Internet gesucht, vergebens. Und so kann ich mich nicht einmal mit meiner Familie unterhalten. Meine Mutter kann zum Beispiel kein Deutsch, nur ihre Muttersprache das Berbische Tarifit ist die einzige Sprache, die sie kann.

Es ist für mich so frustrierend und so schmerzhaft, dass es kein Software gibt, das mir dabei helfen könnte! Ich möchte nur wie jeder andere auch mit meiner eigenen Mutter, mit meinen Familienangehörigen reden können, kann aber nicht, nicht zumindest solange es ein Software geben wird, das Texte auch ins Berbische Tarifit übersetzt und die Texte auch in dieser Sprache vorliest. Teilweise hatte ich auch bei der Reise technische Probleme: die Lautstärke meines Handys war zum Beispiel so leise, dass man nichts hören konnte und einmal passierte es, dass zur richtigen Zeit, mein Handyakku leer gegangen war. Jetzt habe ich es vor, bei meiner nächsten Reise nach Marokko all diese technischen Aspekte besser auszudenken.

Es ist immer sehr interessant zu sehen, wie die Menschen auf den Talker reagieren und wie die zum Beispiel reagieren, sobald sie plötzlich und unerwartet durch eine Computerstimme angesprochen werden. Viele verstummen eigentlich, wissen einfach nicht, wie sie darauf reagieren sollen.

Manche bekommen mit, was ich zu sagen habe, wenden sich dann aber direkt an meinen Betreuer zum weiteren Reden, falls er bei der Situation dabei ist. Oft bekomme ich das Gefühl für andere Leute einfach nur Luft zu sein. Das kommt immer vor, wenn sich jemand statt an mich zu wenden, an meinen Betreuer wendet, und das um Angelegenheiten zu besprechen, die mit mir zu tun haben! Darum gehe ich zum Beispiel immer am liebsten alleine zum Arzt, oder zu anderen Situationen, denn sonst spricht er einfach nur mit meinem Betreuer und nicht direkt mit mir.

Was mich einmal sehr sehr gestört hat, ist als man mich gefragt hat, ob meine Behinderung ansteckend ist. Das ist mir schon zwei drei Mal vorgekommen. Das war jedes Mal eine große Enttäuschung für mich denn was ist dann für eine Frage?!!

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