Textkunst von Andrea
Hunger in Uder
Vorab
Der bbe e.V. (Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern) trifft sich seit 1999 regelmäßig auf diesem Gelände. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums habe ich einen?diesen? Text zum Besten gegeben. Er ist entstanden aus Wörtern, die mir die Anwesenden geschenkt haben. Sie schrieben sie auf Zettel. Es gab eine ungewöhnliche Häufung des Wortes "Wurstgulasch". Fünf Jahre später, zum 25-jährigen Jubiläum, wurde ich gebeten, erneut einen Text zu schreiben. Wieder bekam ich Wörter geschenkt. Die Wörter finden Sie fett gedruckt beim Lesen dieses Textes wieder.
Hunger in Uder
Wenn wir die Vorurteile bedienen, können wir davon ausgehen, dass es ein Junge war.
Aber wir wissen es nicht sicher. Niemand wird es jemals erfahren. Denn das Kind könnte noch unter uns weilen. Fünf Jahre älter zwar – aber noch ein Kind. Ich nenne keinen Namen – das habe ich ihm vor fünf Jahren versprochen. Diesem kleinen Menschen. Kleiner als 1 Meter. Mit Kinderaugen, denen ich niemals widerstehen könnte. Ein kleiner Mensch, der das Pech hatte, noch nicht über das Büfett schauen zu können.
Zum Verständnis für die, die den Text jetzt lesen: Wir sind in Uder im Eichsfeld. Eine Herberge des Hungers. Essen gibt es hier nur viermal am Tag. Nur viermal am Tag 1 Stunde Essen. Sie können sich die Qualen kaum vorstellen.
Dieses kleine Wesen also steht in der Schlange. In der Herberge des Hungers. Ohne sein Zutun, ganz aus Versehen, ohne böse Absicht steht dieses Wesen ganz vorn in der Schlange.
Ganz vorn.
Es darf sich als erstes nehmen. Und es ist noch jung und entsprechend langsam. In der Herberge des Hungers, in der es nur viermal am Tag für 1 Stunde Essen gibt. In der Herberge, in der man abends dringend seinen Kalorienbedarf mit Chips, Gummibären und Schokolade decken muss.
In dieser Schlange steht das kleine Wesen vorn.
Die Schlange hinter ihm ist lang. Erste Schubsereien beginnen. Menschen in Elektrorollstühlen schieben die Masse Stück für Stück zusammen. Erste Bestechungsversuche beginnen. Freundschaften gehen in die Brüche. Bestellungen für Sargdeckel werden entgegengenommen.
Ich hoffe, Ihnen wird klar - die Ungeduld der ausgehungerten Meute ist enorm.
In diesem Moment fragen die Eltern des kleinen Wesens:
„Sag schon, was willst Du essen?“
Alle Augen auf das Kind gerichtet.
„Das da.“
Es zeigt wahllos nach oben zum Büfett.
Und als wäre die Situation für dieses arme Wesen nicht schon furchtbar genug, findet es am Ende (obgleich es das Töten von Tieren abgrundtief verabscheut) am Tisch in einer Schale –
Wurstgulasch.
Und so kam es vor fünf Jahren, wie es kommen musste.
In einem unbeobachteten Moment schiebt das Kind das Wurstgulasch in eine Ecke des Speisesaals. Nicht in irgendeine Ecke, nein, sondern in eine ganz unbeobachtete, furchtbar einsame Ecke. Eine, in die sich nie ein Mensch zuvor verirrt hat.
Wie ist die Freude groß. Auf beiden Seiten. Das Wurstgulasch blieb ungegessen. Es war also noch einmal mit dem Leben davongekommen. Und die Ecke bekam endlich, endlich, endlich Gesellschaft. Sie plauderten und plauderten. Zwei Seelen, die sich austauschten. Jahr um Jahr. Tag um Tag. Minute um Minute. Zwei Herzen, die sich gefunden hatten. Selbst die Bälle im Bällebad können zusammen nicht so viel plaudern, wie diese beiden.
Einzig das Kind weiß um die Schale, die es einst in die Ecke geschoben hatte.
Und das Gewissen plagt es. Es nagt an der kleinen Kinderseele, die sich nie hätte frei entfalten können, wenn es das Wurstgulasch nicht eines Tages der hungrigen Meute wieder zugeführt hätte.
Und so kommt es, dass fünf Jahre später, zum 25-jährigen Jubiläum des Bundesverbandes behinderter und chronisch kranker Eltern, eine kleine Schale auf dem Büfett steht, eine kleine Schale gefüllt mit Wurstgulasch, das sich über die Zeit und über die tiefen Gespräche weiterentwickelt hatte.
Wie ein guter alter Wein, wie ein besonderer Käse gereift und weißhaarig, einem alten Mann nicht unähnlich, steht es inmitten all der Spezialitäten.
Und die Menschen sind begeistert, von dieser besonderen Spezialität. Nur ein Löffel davon - und im Inneren des einzelnen Menschen öffnen sich Welten, die zuvor noch nie ein Mensch gefühlt hat.
Die Ecke in dem Gebäude indes vergeht vor Kummer. Sie stiehlt die Bombe aus dem Wizzardspiel. Zündet sie an. Und die Bombe tut das, was Bomben nun einmal so tun.
Und die Ferienstätte in Uder im Eichsfeld hätte es beinahe nicht mehr gegeben, wäre da nicht eine Fee gekommen, die alles gerettet hätte.
Die Moral von der Geschicht: Esst altes Wurstgulasch nicht…
Mai 2024