Textkunst von Andrea
Der mütterliche Albtraum vom Abwasch
Er türmt sich auf der Ablage aus Holz, wird größer und entfaltet sich vornehmlich in der Höhe. Später auch in der Breite. Lange wird es nicht dauern, dann tritt er in Konkurrenz mit den Bergen aus Tassen und Tellern, Töpfen und Pfannen, Schüsseln und Schalen in Zeichentrickfilmen. Tiere werden unweigerlich auf ihn stoßen, ihn auskundschaften, ohne zu zögern Familiendynastien gründen und Altersruhesitze erschaffen. Sie werden nicht so entzückend aussehen wie ihre gezeichneten Kollegen, dafür werden sie in ihrer Masse umso beeindruckender sein. Die eingangs erwähnte Holzplatte wird unter der Last zu knarren beginnen und der hilflosen Mutter den Schweiß auf die Stirn treiben. Dübel werden mit einem feschen Blubb aus der Wand springen und die Abstellfläche scheppernd mit sich in die Tiefe reißen.
Nachdem ein unwesentlicher Zeitraum verstrichen sein wird, wird die Küche gänzlich vom Geschirr überflutet sein. Die darin wohnenden Lebewesen aller Ungeziefergattungen werden die Tennisballgröße überschritten haben. Der ein oder andere Fernsehsender wird aufmerksam werden, das große Geschäft nicht nur im übertragenen Sinne wittern. Kameras werden auf das wachsende Geschehen gehalten. Dem erlesenen Publikum werden die Haare zu Berge stehen. Erleichtert, sich über anderer Leute Mist aufregen zu können, werden sie die verstörte Frau, die lediglich an einem Erziehungsversuch scheiterte, als Rabenmutter bezeichnen. Sie werden nicht mit Steinen schmeißen, weil die Zivilisation auch bei ihnen Einzug gehalten hat, aber sie werden andere Mittel finden, um dem geplagten Wesen das Leben zu verleiden und um von den Dingen abzulenken, die sich unter ihrem eigenen Teppich sammeln.
Währenddessen haben die Tiere längst Freundschaft geschlossen mit dem pubertierenden Mitglied der Familie, das sich mit dem Chaos wohler fühlt als ohne und das sich nun, wunderbarer Weise schon mit siebzehn, eines seiner Ziele erfüllt hat und im Fernsehen groß rausgekommen ist.