Ein Interview für seine Website

Vor einigen Jahren hat mich mein Kollege und Schreibfreund Joachim Laß im Web gefunden. Daraufhin begann ein intensiver Austausch, und jeder von uns hat etliche seiner Texte auf der Homepage des anderen veröffentlicht. Denn so, wie ich eine Rubrik "andere schreibmäuse" habe, so widmet Joachim seine gesamte Website der Veröffentlichung von Texten und Darstellungen anderer Autorinnen und Autoren.

Damals hat er auch ein Interview mit mir geführt, um mich seinem Publikum näher vorzustellen. Dieses Interview finde ich auch heute noch sehr lesenswert, und deshalb habe ich es hier abgebildet. Vielen Dank für Deine Erlaubnis, lieber Joachim.

 

Hier nun sein Interview mit den einleitenden Worten:

Nachdem der/die Leser/innen Lothar schon ein wenig kennengelernt haben, obliegt mir nun die schwierige Aufgabe, in diesem Interview die Antworten zu provozieren, die das Bild über Lothar vervollständigen. Ich hoffe sehr, dass mir das gelingt. In diesem Sinne: Viel Spaß mit dem nachfolgenden Interview!

 

Abenteuer-Literatur: Könntest du für alle, die dich noch nicht kennen, etwas über dich erzählen? Was gibt es über dich zu sagen, wie schätzt du dich selber ein?

Ich: Ja, gerne. Ich bin vor allem ein sehr ruhiger, gelassener Geselle – trotz, oder vielleicht auch gerade wegen meiner ganzen Tics. Ich nehme seit über 25 Jahren sehr heftige Medikamente wegen meiner Tics, die sich vor allem durch laute Schreie bemerkbar machen und die Nachbarn massiv stören, wenn ich die Medikamente nicht nehmen würde. Dadurch wird aber mein gesamter Energielevel sehr runtergefahren, weshalb ich fast immer müde und schläfrig, faul und hungrig und antriebslos bin. Wenn ich mal nicht antriebslos bin, dann arbeite ich an meiner Homepage, schreibe, höre Musik oder telefoniere mit lieben Menschen.

Abenteuer-Literatur: Das Tourette-Syndrom ist mittlerweile, besonders auch durch einige Filme, in denen es als Hauptthema behandelt wurde, relativ bekannt. Wenn jemand von einem Erlebnis mit einem von Tourette betroffenen Menschen redet, erwähnt er für gewöhnlich das impulsive Rufen von Kraftausdrücken. So einfach ist es aber nicht, oder? Magst du ein wenig mehr darüber erzählen?

Ich: Die Medien lieben es, das Tourette über seine Kraftausdrücke bekannt zu machen. Dabei hat nur etwa jeder Zehnte Tourette-Betroffene diese sogenannte Koprolalie. Und längst nicht jeder hat sie so stark ausgeprägt, wie ich. Wobei ich sagen muss, dass sich meine lauten Wortschwalle fast ausschließlich auf zu Hause beschränken. Sonst bin ich nur auf der Arbeit manchmal laut zu hören, wenn ich „Titten, pissen, ficken, Arschloch“ rufe. Aber meine Kolleginnen und Kollegen kennen mich gut genug, um zu wissen, dass ich sie damit nicht meine. Ansonsten brabbele ich diese leckeren Begriffe auch ständig vor mich hin, aber immer so leise, dass sie kein anderer verstehen kann.

Abenteuer-Literatur: Schränkt dich das Tourette-Syndrom in manchen Bereichen des Lebens ein?

Ich: Ja, durchaus. Ich habe zwar nicht die für viele behinderten Menschen typischen Einschränkungen. Ich kann laufen, springen, sehen, hören und sprechen und bin intellektuell sehr klar, fit und reflektiert, aber ich lebe trotz allem sehr zurückgezogen, habe nur wenige Kontakte nach außen und verlasse die Wohnung nur zum Arbeiten, Einkaufen und für Arzt-Besuche. Es ist sehr selten, dass ich außer Haus einfach mal was unternehme oder Freunde besuche, da ich mich automatisch sehr zusammenreiße und meine Tics immer kontrolliere, wenn ich meine Wohnung verlasse. Würde ich das nicht tun, würden sich die Leute alle Nasen lang nach mir umdrehen und blöde Bemerkungen machen. Aber das Zusammenreißen ist eben auch sehr anstrengend, weshalb ich es ungern mache. Da ich mich in meiner eigenen Wohnung sehr frei und unbeobachtet fühle, bin ich eben gerne die meiste Zeit hier. Hier kann ich so sein, wie ich bin, mit und ohne Tics. Aber ich lade zum Beispiel sehr gerne liebe Menschen zu mir nach Hause ein oder telefoniere und skype in meiner freien Zeit mit guten FreundInnen, um so meiner Einsamkeit vorzubeugen.

Abenteuer-Literatur: Zu welchem Zeitpunkt deines Lebens fing das Tourette-Syndrom an, dir bewusst zu werden?

Ich: Die ersten Tics wurden mir bewusst, als ich sechs Jahre alt war, allerdings hatte ich mit drei und mit fünf Jahren vereinzelt meine ersten Tics. Daran kann ich mich aber nicht erinnern. Diagnostiziert wurde mein Tourette-Syndrom erst, als ich 18 Jahre alt war, also extrem spät. Aber das lag schlicht und ergreifend daran, dass damals kein Mensch und auch kein Arzt Tourette kannten.

Abenteuer-Literatur: Was an deinem Leben unterscheidet sich besonders von dem der anderen Menschen ohne diese Störung?

Ich: Ich glaube, ohne meine Tics wäre ich niemals auf meine „zweite Familie“ gestoßen, die Menschen mit Behinderungen. Während meines Studiums der Sozialen Arbeit in Kassel haben mich andere behinderte Studierende ganz automatisch zu ihresgleichen gezählt. Das war für mich eine unglaublich wichtige Erfahrung, in der ich sehr viel Zugehörigkeit und Anerkennung bekommen habe. Das hat mich sehr in meinem Selbstbewusstsein gestärkt und mein Selbstverständnis als behinderter Mann gefördert. Ich hatte meine Peer-Group der behinderten Studierenden in der Peer-Group aller Studierenden. Ich konnte mich das erste Mal selbst als behinderter Mann sehen, ohne das Gefühl zu haben, dass mir was fehlt oder ohne mich minderwertig zu fühlen.

Abenteuer-Literatur: Wie sieht der normale Tagesablauf im Leben des Lothar Schwalm aus? Magst du darüber ein wenig erzählen?

Ich: Montags bis freitags arbeite ich meistens 4 Stunden täglich, manchmal etwas kürzer, manchmal etwas länger, je nach Bedarf und vorhandenen Überstunden. Da ich oft erst mittags oder nachmittags anfange zu arbeiten, schlafe ich bis dahin oder höre bereits Stunden, bevor ich aufstehe, Radio, um langsam wach zu werden. Oftmals wecke ich mich fünf Stunden vor Arbeitsbeginn, um vier Stunden lang mit dem Radio langsam wach zu werden und mich dann eine Stunde fertig zu machen. Nach der Arbeit kaufe ich manchmal ein und mache mir was zu essen. Wenn ich dann noch Kraft habe, setze ich mich gerne an den PC, um mit Freunden zu plaudern, oder was an meiner Homepage zu basteln. Manchmal bin ich auch schon um 19:00 Uhr im Bett verschwunden, weil ich schon wieder müde bin – wie gesagt: Die Medikamente treiben da so ihre Spielchen mit mir… An den Wochenenden bin ich dann meistens von der Woche so geschafft, dass ich manchmal den ganzen Samstag und die Nacht zum Sonntag noch schlafe, also locker mal 30 Stunden. Ab und zu hänge ich auch den Sonntag noch dran und verbringe die Zeit von Freitagabend bis Montagmittag mit Schlafen im Bett.

Abenteuer-Literatur: Menschen mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung sind besonderen Belastungssituationen ausgesetzt, seien diese körperlicher, psychischer oder sozialer Art. Wie die Belastungen im Besonderen aussehen, wie sie sich auswirken können, würde mich an dieser Stelle interessieren. Magst du etwas darüber erzählen?

Ich: Das, was mich am meisten belastet, sind nicht meine Tics, sondern die Medikamente dagegen, die ich nehmen muss, weil ich ansonsten so laut bin, dass meine Nachbarn hier im Haus nicht mehr schlafen könnten. Das haben wir schon ausprobiert. Und die Medikamente machen eben nicht nur müde und schläfrig, sondern auch lahm, lust- und antriebslos. Kein Bock mehr auf Rausgehen, kein Bock auf Bewegung, kein Bock mehr auf Sport. Seit ich die Medikamente nehme, habe ich zwar weitgehend Ruhe vor meinen Tics (ca. 80 bis 90 Prozent werden so unterdrückt), aber ich habe auch 40 kg zugenommen und nicht zuletzt deswegen auch sehr viele verschiedene, gesundheitliche Probleme wie Bluthochdruck, einen hohen Cholesterinspiegel und Diabetes, gegen die ich alle auch wieder Medikamente nehme. Die Kunst ist manchmal, mich von den negativen Begleiterscheinungen nicht so sehr einnehmen zu lassen und weiter positiv zu denken und mein Ding zu machen. Das ist nicht immer ganz einfach, aber ich bin ein sehr positiver Mensch, und ich habe mir vorgenommen, mich jeden Tag mit einer Kleinigkeit zu belohnen, mir jeden Tag eine kleine Freude zu machen oder mir irgendetwas zu gönnen, was mir Spaß macht.

Abenteuer-Literatur: Hattest du in der Schulzeit oder während deiner immerhin ja akademischen Ausbildung Probleme mit Lehrern oder Mitschülern / Studenten wegen deiner Beeinträchtigung?

Ich: Die Schule war ab der Pubertät ein Spießrutenlaufen durch meine Mitschüler. In der Oberstufe ließen die Hänseleien sehr nach, aber der Lernstress machte mir da mehr und mehr zu schaffen, zumal auch meine Tics dann langsam aber sicher immer heftiger wurden. Während des Studiums habe ich dann eine große Befreiung erlebt: Hänseleien gab es so gut wie keine mehr, eher manchmal einen blöden Blick oder ein Lachen, beides aber nur selten. Insgesamt hatte ich da viele tolle und respektvolle Begegnungen, sowohl mit behinderten als auch mit nichtbehinderten KommilitonInnen.

Abenteuer-Literatur: Wenn Du in einem Restaurant bist und Deine Tics zeigen sich stark, und andere Gäste des Restaurants schauen dich an: Wie reagierst du in dieser Situation?

Ich: Ich gehe wie gesagt kaum raus. Ansonsten bin ich ein Nischen-Ticker: Ich ticke dann mal schnell eben, wenn es keiner sieht, bzw. ich mich gerade unbeobachtet fühle. Wenn mich doch mal jemand anschaut, lächele ich oder ignoriere den Blick.

Abenteuer-Literatur: Wie sollte deine Umgebung mit dir umgehen?

Ich: Ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen das Tourette-Syndrom kennenlernen, und sich dann nach ein oder zwei kurzen Hinguckern vielleicht einfach sagen könnten: „Der hat vielleicht Tourette“.

Abenteuer-Literatur: Was mich ganz besonders interessiert: Woher nimmst du die Kraft, die Inspiration für dein wirklich umfangreiches künstlerisches Wirken?

Ich: Ja, das ist eine gute Frage! Ich glaube, ich habe einfach eine enorme Energie in mir, die immer noch und immer wieder nach außen treten will. Sei es in Form meiner zahlreichen phantasievollen Tics, die bis zum heutigen Tage nicht müde werden, meine Nachbarn zu nerven, sei es meine Kreativität, die sich in allen möglichen künstlerischen Formen ihren Ausdruck sucht… Vielleicht liegt der Ursprung dieser Energie in der massiven Unterdrückung von Gefühlen und Lebensenergie, die ich gespürt habe, als mein Vater mich als Kind missbrauchte. Vielleicht liegen die Wurzeln meines Schaffens und Schaffen-Wollens aber noch viel tiefer. Ich weiß es nicht…

Abenteuer-Literatur: Was ist die Quelle deiner Inspiration?

Ich: Ich glaube, die Quelle meiner Inspiration ist Spannung. Überall, wo etwas passiert, existiert Spannung. Spannung kann positiv sein: frohe Erwartung, Aufregung. Spannung kann aber auch negativ sein: nervöse Anspannung, Angst, Konflikte, usw. Ich glaube, da, wo etwas passiert, entsteht Spannung, und die lässt mich kreativ denken und handeln. Oftmals schreibe ich Texte, wenn ich das Gefühl habe, mich von etwas befreien zu müssen, oder wenn mich ein bestimmtes Wortspiel reizt oder „juckt“, darum herum einen Text zu basteln. Ich glaube, alles, was mich nicht kalt lässt, ist geeignet, in mir Spannung zu erzeugen, und damit die Energie, die ich brauche, um es irgendwie kreativ zu bearbeiten.

Abenteuer-Literatur: Wie deinem Lebenslauf zu entnehmen ist, hast du eine akademische Ausbildung. Hut ab davor. Wenn ich mich recht erinnere, hat deine Behinderung im 13. Lebensjahr begonnen. Wer war ab diesem Zeitpunkt deine Stütze? Wer hat dir die Kraft gegeben die notwendig war, dein Ziel zu erreichen?

Ich: Nein, meine Behinderung hat in meinem dritten Lebensjahr begonnen. Da tauchten die ersten vereinzelten Tics auf. Wirklich problematisch wurde meine Behinderung erst mit 13, 14 Jahren, als die Tics stark zunahmen. Zu der Zeit habe ich mich oft sehr einsam und verlassen gefühlt: keine Freundin, die mit mir gehen wollte, wenig Freunde, und einen Vater, der mich nicht verstand. Halt hat mir meine übrige Familie gegeben: vor allem meine Mutter und auch mein Bruder, sowie enge Verwandte wie meine Tante oder die Großeltern mütterlicherseits. Nach der Schulzeit bin ich in mein Studium eingetaucht, und ab da hatte ich viele Kontakte und lernte, selbstbewusster und sicherer mit meiner Behinderung umzugehen. Während dieser Zeiten hatte ich aber auch jahrelange Gesprächs-Psychotherapie, die mich sehr unterstützt und auf meinem Weg begleitet hat. Der stärkste Ast, an den ich mich bis heute lehnen kann, ist meine Mutter.

Abenteuer-Literatur: Wann hast du dich zum ersten Mal mit Kunst beschäftigt? Was war der Grund dafür? Was war die Erkenntnis daraus?

Ich: Als einjähriges Kind ein Blatt Papier mit Fingerfarben zu bemalen – ist das schon Kunst? Wenn ja, dann hatte ich schon früh Kontakt zur Kunst. Ich habe schon als kleines Kind gerne gemalt, Papier geschnitten und mit meiner Mutter Figuren gebastelt. Meine Eltern (damals beide Lehrer) wussten ganz gut, wie man ein Kind mit Spielen und Spielideen kreativ werden und lernen lässt. Spätestens seit meinem dritten Lebensjahr habe ich meine Finger von allen möglichen Legosteinen nicht mehr lassen können und Dinge gebaut, wie ein Weltmeister. An kreativen Ausdrucksmöglichkeiten hat es mir zum Glück nie gemangelt, dafür haben meine Eltern wirklich gesorgt. Und ich durfte Lesen, soviel ich wollte. Als Kind habe ich Hunderte von Büchern verschlungen, vielleicht bin ich deshalb noch heute so wort-affin und ausdrucksstark. Bis heute spiele ich unheimlich gerne mit Buchstaben, Worten und Ausdrücken.

Abenteuer-Literatur: Was bedeutet Schreiben für dich. Was passiert in Lothar Schwalm, wenn er seine Text niederschreibt?

Ich: Schreiben ist für mich immer wieder ein spannendes Experiment. Die spannendste Frage ist hinterher jedes Mal: Bin ich selbst zufrieden mit dem Text? Kann ich noch was besser machen? Gelingt es mir, einen Text so zu „komponieren“, dass er andere Menschen anspricht? Kann ich darin „Bilder malen“, Gefühle erzeugen, Menschen bewegen? Vielleicht kann ich es ein kleines bisschen wie mit einer Geburt vergleichen: oft anstrengend, manchmal schmerzhaft, aber immer erlösend und befreiend, wenn es geschafft ist – ein gutes Gefühl!

Abenteuer-Literatur: Die gleiche Frage jetzt aber zum Thema Malen.

Ich: Ich glaube, Malen funktioniert bei mir ähnlich, nur dass sowohl beim Erschaffen als auch beim Betrachten noch mehr Sinne angesprochen werden, zumindest bilde ich mir das ein. Wenn ich male, dann mit Pastell-Kreiden, die man mit den Fingern so schön verwischen kann. Von daher hat das Malen für mich noch mehr was Handwerkliches.

Abenteuer-Literatur: Viele Künstler halten ihre unglückliche Kindheit für ihr größtes Kapital, nach dem Motto: Wer nicht gelitten hat, hat nichts zu sagen. Kannst du dich mit dieser Aussage identifizieren? Und wenn ja, warum?

Ich: Das klingt sehr pauschal und ist mir so zu einfach. Klar, ich hatte nur bedingt eine glückliche Kindheit, oder um es anders zu sagen: In meiner Kindheit gab es unglückliche und leidvolle Momente, sogar sehr extreme und vielleicht auch sehr viele, aber es gab eben auch sehr viele glückliche, schöne und bereichernde Momente – auch mit meinem Vater. Meine Eltern sind mit mir und meinem Bruder nach Afghanistan aufgebrochen, als ich sechs Jahre alt war. In den kommenden vier Jahren haben wir auch Pakistan, Indien, Nepal und den gesamten Himalaya bereist. Vielleicht war das sogar die glücklichste Zeit meines Lebens. Viele neue und fremde Eindrücke, Menschen, Kulturen, die mich mindestens genauso geprägt haben, wie die sexuellen Übergriffe meines Vaters. Um es nochmal zu wiederholen: Ich glaube, ich habe unheimlich viel erfahren und erleben dürfen, also ein Leben voller Spannung – im Positiven wie im Negativen. Und Spannung erzeugt Kreativität und kreative Gedanken, die sich dann in kreativem Schaffen äußern.

Abenteuer-Literatur: Zu welcher Tageszeit bist Du am kreativsten?

Ich: Manchmal habe ich tatsächlich nachts sehr kreative Phasen, aber tagsüber ausgeschlafen an etwas zu arbeiten, hat auch seine Vorteile.

Abenteuer-Literatur: Welchen Stellenwert hat Literatur für dich, welche Rolle spielt sie in deinem Leben?

Ich: Eigentlich liebe ich Literatur und Bücher, in denen ich etwas Neues erfahre und in die ich eintauchen darf. Seit der Oberstufe fällt mir das Lesen aufgrund meiner Behinderung und meiner Zwänge aber so schwer, dass ich seither nur wenige Bücher gelesen habe.

Abenteuer-Literatur: Hast du einen Lieblingsort, an dem dir das Schreiben besonders leicht von der Hand geht?

Ich: Ja, mit Abstand am liebsten schreibe ich in meinem Snoozle-Raum. Das ist mein besonders schön hergerichtetes und gemütliches Wohnzimmer zum Wohlfühlen. Sehr häufig höre ich beim Schreiben diverse Musikalben von Mari Boine.

Abenteuer-Literatur: Welche drei Bücher haben dich in den letzten drei Jahren so richtig begeistert? Welchen druckfrischen Roman würdest du mir raten zu lesen, und von welchem soll ich lieber die Finger lassen?

Ich: Da ich nur ganz selten Bücher lese, kann ich die Frage so nicht beantworten. Ein Buch, das ich vor einigen Jahren verschlungen habe, war „Traumfänger“.

Abenteuer-Literatur: Wann ist deine schaffensintensivste Phase (bestimmte Emotionszustände, Tageszeiten oder gar Wetterlagen)?

Ich: Eigentlich generell nach ereignisreichen Tagen, Tagen, an denen ich viel erlebt oder erfahren habe, manchmal auch über mich selbst.

Abenteuer-Literatur: Wärest du lieber eine Möwe am Himmel oder ein Löwe in der Savanne?

Ich: Ich glaube, die Freiheit einer Möwe am Himmel erreicht auch ein Löwe in der Savanne nicht – ich wäre die Möwe!

Abenteuer-Literatur: Welche Rolle hatte und hat dein Vater für dich in deinem Leben? Wie stehst du heute dazu?

Ich: Nachdem ich mit 22 Jahren den Missbrauch durch meinen Vater völlig unerwartet aufdecken konnte, war er 26 Jahre lang der Böse für mich, auch wenn er jetzt schon über 20 Jahre tot ist. Seit ich mit 48 Jahren ein sehr langes und intensives Gespräch mit meinem Bruder hatte, hat sich für mich auch die Rolle meines Vaters in unserem Familiensystem total verändert. Heute weiß ich, dass ich mir diese Familie ausgesucht habe, und nicht nur diese Familie, sondern auch diesen und alle anderen Schicksalsschläge. Meine Seele wollte sie durchleben, um daran lernen, wachsen und reifen zu können. Ich bin davon mittlerweile so tief überzeugt, dass ich meinem Vater vor vier Jahren den Missbrauch wirklich verzeihen konnte. Seither kann ich ihn auch wieder liebevoll „meinen Papa“ nennen, was vorher unmöglich gewesen wäre. Heute weiß ich, dass auch mein Vater sich mit seiner Rolle als Täter und später als Alkoholiker mit seinem frühen Tod in gewisser Weise geopfert hat, um mir ein Weiterleben und Starkwerden zu ermöglichen. Dafür hat er sich wiederum entschieden. Und es hat für uns beide gepasst. Beide Seelen sind gereift und konnten wachsen.

Abenteuer-Literatur: Dieselbe Frage nun auf deine Mutter bezogen.

Ich: Ja, meine Mutter hat mich mein ganzes Leben lang unterstützt und gestärkt in allem, was ich vorhatte und je gemacht habe. Auch für uns gab es schwierige Zeiten, Zeiten, in denen meine Tics und Zwänge unser aller Leben zur Hölle gemacht haben. Meine Mutter hat in ihrem Leben den Weg gewählt, Geduld zu lernen und zu üben. Sie hat mich und meinen Bruder großgezogen, sich von ihrem Mann, einem Alkoholiker getrennt, und gelernt, ihr Leben neu zu sortieren und auszurichten. Eigentlich hat sie ihr ganzes Leben dem Wohl von Kindern gewidmet, erst ihren eigenen, später und bis heute noch vielen anderen.

Abenteuer-Literatur: Hast du einen literarischen Traum?

Ich: Ja, ich habe vor Jahrzehnten bereits damit begonnen, einen pornografischen Roman zu schreiben. Mein Traum wäre, diesen Roman eines Tages rund zu machen und zu beenden, damit ich sagen kann: „Dieses Projekt habe ich wirklich abgeschlossen“, ganz egal, ob er jemals veröffentlicht würde oder nicht.

Abenteuer-Literatur: Welche Erwartungen an nachfolgende Gesellschaftsstrukturen hast du, und welchen Einfluss wird das Internet auf solche Strukturen haben?

Ich: Das Internet ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Ich hoffe und wünsche mir, dass nachwachsende Generationen das Internet und seine Errungenschaften einerseits genauso kreativ nutzen und andererseits genauso kritisch hinterfragen, wie wir es tun.

Abenteuer-Literatur: Überall auf der Welt gibt es menschliche Entgleisungen. Terror gerade in jüngster Zeit, unschuldige Menschen fallen dem zum Opfer. Jeden Tag berichten die Medien von neuen Fällen. Worin liegen deiner Meinung nach diese Realitäten begründet und was können wir, also jeder einzelne von uns, dagegen tun. Reicht hier literarische Arbeit noch aus?

Ich: Ich schreibe eigentlich nicht, um die Welt zu retten. Vielleicht kann ich eher sagen: Ich schreibe, um mich zu retten – vor all den Verrückten, die da draußen rumrennen und Leute erschießen… Ich schreibe mir meine Seele und meine Gefühle vom Leib, und weil es mir Spaß macht. Ich schreibe, was mich bewegt und was mich berührt, um andere Menschen zu bewegen und zu berühren. Vielleicht ist das meine Art, der Welt "Hallo!" zu sagen, zu zeigen, dass es mich gibt, und dass ich etwas zu sagen habe, auf eine behutsame, friedliche Art. Und jeder, der mag, darf sich davon angesprochen fühlen und mit mir in Kontakt kommen…

Abenteuer-Literatur: Wenn du dein Leben poetisch beschreiben kannst, möchte ich dich bitten, das jetzt zu tun.

Ich: Ich glaube, das habe ich gerade eben bei der letzten Frage getan…

Abenteuer-Literatur: Wie wichtig sind Freunde für dich? Und wie pflegst du diese Freundschaften?

Ich: Freunde sind immer sehr wichtig für mich gewesen, auch um mir selber immer wieder zu bestätigen, dass ich mit dieser verrückten Behinderung gute Freundinnen und Freunde haben kann. Freunde sind für mich eine Art erweiterte Familie, und bis auf wenige Ausnahmen sind sie auch alle behindert. Ich habe nicht viele Freunde, eher wenige, aber dafür sehr gute… Pflegen tue ich meine Freundschaften in erster Linie durch Telefonate, Video-Anrufe per Skype und manchmal auch durch Besuche, wenn diese für mich oder mein Gegenüber machbar sind.

Abenteuer-Literatur: Wie wichtig sind Beziehungen für dich, gerade auch zum anderen Geschlecht? Sehnst du dich wieder nach einer festen Partnerschaft?

Ich: Für mich sind die Beziehungen zu beiden Geschlechtern sehr wichtig: Zu Frauen, um in ihnen potentielle Partnerinnen für mich und gute Freundinnen für mein Leben zu finden, und zu Männern, um zu erleben, dass ich Männern heute wieder vertrauen und mich ihnen in sexueller Hinsicht sogar manchmal in bestimmten Situationen ebenfalls hingeben kann. Sexuelle Begegnungen kann ich mir mittlerweile mit Frauen und Männern vorstellen. Eine feste Beziehung kann ich mir im Moment eher mit einer Frau vorstellen. Ich sehne mich sehr nach Haut, Kontakt und Berührung, weil ich das jetzt seit 2008 fast völlig entbehre. Diese zärtliche Art des Kontaktes vermisse ich viel mehr als den reinen Sex.

Abenteuer-Literatur: Was sind deine Pläne für die Zukunft in künstlerischer, persönlicher Hinsicht?

Ich: Eigentlich schmiede ich keine großen Pläne. Ich habe mir vorgenommen, wieder mehr Lesungen im engeren Kreis um Mainz anzubieten. Und ich werde mit Dir voraussichtlich ein oder mehrere Bücher zu verschiedenen Themen im Rahmen unserer Autorengruppe veröffentlichen. Reizen würde mich auch, noch mal ein eigenes Buchprojekt mit sinnlichen und erotischen Texten zu machen.

Abenteuer-Literatur: Welchen Leserkreis sprichst du mit deinen Texten an?

Ich: Aus meiner Erfahrung der vergangenen Jahre heraus kann ich nur sagen: Mir sind alle LeserInnen herzlich willkommen, die meine sehr persönliche, ehrliche und direkte Art zu schreiben, mögen, auch wenn oder vielleicht auch, weil meine Texte nicht immer nur die leckeren Seiten des Lebens darstellen.

Abenteuer-Literatur: Möchtest du noch ein paar Worte zum Abschluss sagen?

Ich: Ich danke Dir, lieber Joachim, für die Gelegenheit, mich den BesucherInnen Deiner Homepage auch noch mal auf diese sehr persönliche Art und Weise zeigen zu dürfen. Danke schön!

 

Abenteuer-Literatur:

Am Anfang war das Wort. So lautet auch der Slogan dieser Webseite, und Lothar Schwalm ist einer jener Menschen, die etwas zu sagen haben. Dies hat er nicht nur mit der Beantwortung dieser Fragen eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Der Ausschnitt aus seinem künstlerischen Schaffen ist in diesem Portrait nur ansatzweise wiedergegeben, dies schon allein aus Zeit und Platzgründen. Ich bedanke mich herzlich, vor allem für die ehrliche Beantwortung meiner Fragen. Wenn sie neugierig auf Lothar's weitere Aktivitäten sind, besuchern sie seine Webseite, nehmen sie ruhig Kontakt zu ihm auf, ich denke das wird ihn sehr freuen. Ich für meinen Teil freue mich schon auf einige Projekte, welche ich mit Lothar zusammen realisieren werde. Dazu später mehr.

In diesem Sinne bedanke ich mich bei meinen Leser/innen herzlich für das Interesse.


Das Interview führte Joachim Laß / 01.04.2019- © Copyright - Alle Rechte vorbehalten

 

Wer Joachim's Texte auf meiner Seite lesen möchte, der findet sie bei der Schreibmaus Joachim.

Das obige Interview findet ihr hier auf Joachim's Homepage.