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Meine Texte zum Nachlesen:

Tränenarm


Gemälde: Drei verschieden farbige Tropfen fliegen wie Kometen aus dem schwarzen Hintergrund in den hellen Vordergrund des Bildes.Ich fühle mich tränenarm
und bin innerlich tränenreich,
das fühlt sich nach dieser schlimmen Trennung
doppelt schmerzhaft an.
Tränenarm, tränenreich,
ich wünsche mir ein Tränenreich,
wünsche mich tränenreich,
einmal mehr
wünschte ich,
meine Tränen würden einfach fließen,
Zeugen stillen Schmerzes,
die meinen Augen entweichen.
Doch es geht nicht,
zu sehr funktionieren meine
Trauerunterdrückungsmechanismen.
Sie haben schon immer wunderbar funktioniert –
nahezu perfekt.
Etwas, was mir zusätzlich weh tut.

Warum kann ich nicht einfach losheulen?
Grund genug habe ich.
Gemälde: Eine kleine Insel mit Palmen im weiten Meer.Nur habe ich keine Tränen –– mehr?
Habe ich jemals welche gehabt?
Und wenn ja, wie viele waren es?
Ergaben sie eine Tränenpfütze
oder einen kleinen Tränensee,
oder gar ein Tränenmeer?
Ein Tränenmeer – oder weniger?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur:
Ich habe keine Tränen mehr
und wünsche mir doch so sehr ein Tränenmeer.
Es tut so gut, zu weinen,
einfach allen Schmerz loszulassen,
zu verabschieden
in diesen kleinen traurigen Tropfen.
Sie sind für mich so kostbar
und leider auch so selten.
Manchmal weine ich hemmungslos
in meinen Träumen.
Das tut gut und fühlt sich unendlich gut an.
Geträumte Tränen perlen von meiner Wange herab –
kleine Tränenperlen, die in ein Meer perlen,
ein Tränenmeer meines Schmerzes,
den ich fühle und erlebe.

Ich finde es traurig,
dass meine Trauer so wenig Platz hat.
Wenn ich weine, fühle ich mich
schwach und stark zugleich
und bin doch so verletzlich,
sehne mich nach Armen,
die mich umarmen und halten,
nach einer Brust,
die mich nährt,
nach einem Schoß,
der mich schützt,
in den ich meinen Kopf legen kann,
um mich auszuheulen und Trost zu finden.
Manchmal wünschte ich,
ich könnte durch meine
eigenen Tränenmeere tauchen –
Salzwasser ganz nach meinem Geschmack.

Ich glaube, mein Vater hat viel dafür getan,
dass sich in meinen Augenwinkeln
sehr starke Schleusenwärter postiert haben.
Und sie tun ihren Dienst noch immer,
sind immer noch da.
Nur selten gelingt es mir,
sie zu vertreiben, damit einige wenige
Perlentropfen entweichen können.
So selten sie auch sind,
so kostbar sind sie aber auch.
Und jedes Mal bin ich froh und glücklich,
sie verabschiedet zu haben.

Vielleicht muss ich ein wenig Abschied nehmen
von der Vorstellung,
ich könnte häufiger Sturzbäche weinen
oder Rotz und Wasser heulen.
So schön und befreiend dieser Gedanke auch ist,
so wenig wirklich erscheint er mir –
auch etwas,
was mich wieder etwas traurig macht.
Vielleicht schließt sich hier
mein Kreis der Trauer,
mein Trauerkreis,
in den ich nur selten einsteigen kann.
Und wenn es dann doch gelingt,
dann ist das etwas,
was mich hinterher ungeheuer glücklich macht!
Auch auf diese Art und Weise liegen wohl
Glück und Traurigkeit oft dicht beieinander,
dichter, als wir meistens zu träumen wagen.

ls.

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