Textkunst von Andrea

Feierabend

Ich bin auf dem Heimweg.

Ich gehe schnell.

Ich greife nach meinem Schlüssel.

Ich bin gleich zu Hause.

Da sehe ich ihn.

 

Er ist groß und breit.

Er trägt sein Hemd oben offen.

Er hat warme Augen.

Er steht am Kino.

Ungezwungen beobachtet er mich.

 

Ich werde oft von Männern beobachtet.

Ich kenne das.

Ich finde es trotzdem lästig.

Ich sehe sonst immer weg.

Heute zögere ich.

Warum nur zögere ich?

 

Er trägt Glatze, und er ist unrasiert.

Er lächelt, und er stürmt mein Herz.

Er lehnt an der Wand. Lässig.

Er raucht.

Und er hat das Down-Syndrom.

 

Ich habe sonst ein ruhiges Herz.

Ich bin verwirrt, denn ich fühle, wie es rast.

Ich will wissen, was los ist.

Ich will wissen, was mit mir los ist.

Ich gehe zu ihm.

 

Er bietet mir eine Zigarette an.

Er kommt einen Schritt näher.

Er reicht mir die Schachtel.

Er gibt mir Feuer.

Er hat blaue Augen.

 

Ich bin verheiratet.

Ich sollte nach Hause gehen.

Doch ich rauche mit einem fremden Mann.

Ich huste sofort.

Ich huste, bis mir die Tränen kommen.

 

Er klopft auf meinen Rücken.

Er wartet, ob es besser wird.

Er streicht mir Haare aus der Stirn.

Er verabschiedet sich.

Er geht ins Kino.

 

Ich muss nach Hause.

Ich gehe los mit weichen Knien.

Ich gehe ihm nach.

Ich gehe zur Kino-Kasse.

Ich kaufe eine Karte.

 

Er soll mich küssen.

Er soll mich berühren.

Er soll mich ausfüllen.

Er soll wild und zärtlich sein.

Nur ein einziges Mal. Bitte.

 

Ich gehe hinter ihm in den Kino-Saal.  

Ich sehe seinen Nacken.

Ich sehe seine breiten Schultern.

Ich rieche sein Rasier-Wasser.

Mein Herz klopft bis zum Hals.

 

Er nimmt einen Platz in der letzten Reihe.

Er wartet bis ich sitze.

Er bietet mir Popcorn an.

Er redet wenig.

Seine Stimme ist weich.

 

Ich sehe ihn an.

Ich esse Popcorn.

Ich genieße jede Sekunde.

Was mache ich hier nur?

 

Er gefällt mir immer besser.

Er ist mir vertraut.

Er bringt mich zum Lachen.

Er legt seinen Arm um mich.

Meine Haut brennt.

 

Ich schließe meine Augen.

Ich möchte immer hier sitzen.

Hier in seinem Arm.

Auf seine Küsse wartend.

 

Doch dann geht die Tür auf.

Licht fällt ins Dunkle vom Kinosaal.

Eine Frau kommt herein.

 

Er lächelt über das ganze Gesicht.

Er nimmt seinen Arm von meiner Schulter.

Er steht auf.

Er geht zu der Frau.

Er stellt uns einander vor.

 

Sie hat Augen nur für ihn.

Sie ist die Liebe seines Lebens.

Sie weiß es.

Er weiß es.

Und ich weiß es jetzt auch.

 

Ich werde rot.

Ich entschuldige mich.

Ich nehme meine Sachen.

Ich versuche ein Lächeln.

Ich gehe zum Ausgang.

 

Mein beschämtes Herz nehme ich mit.

 

September 2015