Meine Texte zum Nachlesen:

Traumreise


Traumreise in einen anderen Körper

Stellt euch vor, es ist ein schöner ruhiger Novemberabend. Der Feierabend klingt langsam aus. Es ist 23:00 Uhr und ihr hört die Kirchenglocken die volle Stunde schlagen. Ihr geht ins Bad, um euch fertig zu machen und danach steigt ihr müde und zufrieden in euer Bett. Ihr legt euch gemütlich hin und kuschelt euch in die warme Decke. Die Gedanken des Tages kreisen noch durch euren Kopf, schwirren durch euer Hirn. Langsam kommt ihr zur Ruhe. Der Atem geht tief und gleichmäßig und bald seid ihr nach kurzer Zeit eingeschlafen. Ihr träumt die Nacht hindurch von verschiedenen Dingen: schönen und schaurigen, phantasievollen und fabelhaften, und ihr genießt euren erholsamen, langen, ruhigen Schlaf. Euer Atem geht ruhig und regelmäßig.

Als am nächsten Morgen der Wecker geht, fühlt ihr Euch irgendwie anders, ja, geradezu gerädert, euer Körper fühlt sich anders an als sonst. Noch habt ihr die Augen geschlossen. Ihr könnt gar nicht sagen, was los ist, aber ihr fühlt euch irgendwie steif und schwer. Ihr versucht, die Zehen zu krümmen, aber es geht nicht. Dann wollt ihr gähnen, aber auch das geht nicht. Euer Mund lässt sich nicht bewegen. Der Wecker klingelt und klingelt. Ihr seid genervt von dem Klingeln und wollt den Wecker ausschalten, aber euer Arm und eure Hand gehorchen euch nicht mehr. Alles, was ihr bewegen wollt, bleibt steif und schwer auf der Matratze liegen. Langsam bekommt ihr Angst: Wieso lässt sich euer Körper nicht mehr bewegen? Die Füße und Hände, Arme und Beine, alles steif und starr! Ihr könnt euren Körper spüren, aber die Muskeln gehorchen euch nicht mehr.

Dann denkt ihr, dass das ein böser Traum sein muss und versucht gewaltsam, die Augen aufzuschlagen. Ihr merkt erleichtert, dass ihr die Augen öffnen könnt. Und ihr könnt sie bewegen: von links nach rechts und von rechts nach links. Gott sei Dank! Ihr seht eure Zimmerdecke und die Lampe in der Mitte der Decke. Der Tag ist schon hell. Als ihr versucht, den Hals zu drehen, merkt ihr wieder, dass das nicht geht. Mit den Augen sucht ihr den Bereich ab, den ihr erblicken könnt: Nichts hat sich verändert. Ihr versucht verzweifelt, irgendein Körperteil zu bewegen – vergeblich!

Allmählich wird euch bewusst, dass ihr euch überhaupt nicht mehr bewegen könnt, dass ihr vollkommen gelähmt seid. Ihr könnt Eure Augen bewegen, öffnen und schließen, und ihr könnt von selbst atmen. Das ist alles. Panik steigt in euch hoch: Was ist, wenn das kein Traum ist, sondern die Realität? Was ist, wenn das so bleibt? Wenn ihr euch nie wieder bewegen könnt? Was ist, wenn ihr aufs Klo müsst? Der verdammte Wecker klingelt immer noch! Ihr werdet innerlich wütend und ungeduldig, und ihr seid am Kochen. Ihr wollt schreien, aber auch das geht nicht mehr. Eure Stimme und Sprache versagt, der Mund lässt sich nicht mehr bewegen.

Euer Herz klopft heftig, ihr habt Angst und seid panisch. Was sollt ihr jetzt tun? Wieder versucht ihr, euch zu bewegen: den Kopf, die Schultern, die Hüfte und Beine, umsonst. Noch immer liegt ihr steif und schwer auf der Matratze. Aber ihr spürt jede Faser eures Körpers. Ihr fühlt Euch total hilflos und die Angst steigt noch weiter an. Wilde Phantasien schießen euch durch den Kopf, Fragen über Fragen:

  • Was ist, wenn ich hier jetzt für immer liegen bleiben muss?
  • Was ist, wenn mich hier niemand hört oder findet?
  • Ich kann nicht von alleine aufstehen. Wie soll ich jetzt aufs Klo kommen? Es ist lange her, dass ich mal ins Bett gemacht habe…
  • Vielleicht hatte ich heute Nacht einen Schlaganfall und das alles ist nur vorübergehend…
  • Was ist, wenn ich gelähmt bleibe und das für immer ist?
  • Ich kann mich nicht mehr bewegen, nicht mehr berühren.
  • Verdammt, wenigstens den kleinen Finger, nur ein ganz kleines bisschen…

In eurer Verzweiflung und Panik werdet ihr erst traurig und dann unheimlich müde. Ihr könnt kaum noch die Augen aufhalten. Langsam schließt ihr die Augen und schlaft wieder ein.

Nach einigen Minuten angstvollen Schlafes hört ihr plötzlich euren Radiowecker, der Musik spielt. Langsam erwacht ihr wieder und spürt euren Körper wieder so, wie ihr ihn kennt. Ganz allmählich wird euch bewusst, dass das vorhin nur ein böser Traum war, ein sehr böser Traum. Ihr räkelt euch langsam hin und her, bewegt euren Körper, um sicher zu gehen, dass das wirklich nur ein böser Traum war und spürt, wie ihr euch bewegen könnt. Ihr ballt Eure Hände zu Fäusten zusammen und rollt die Zehen ein. Jetzt streckt ihr euch im Stuhl nach allen Seiten aus und zieht euch in die Länge. Wenn ihr euch wieder fit und munter fühlt, kommt ihr zurück in den Raum und öffnet eure Augen. Ihr atmet noch einmal tief durch.

ls.

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