Meine Texte zum Nachlesen:

Todesangst


Sie nennen es „nicht tragbar“,
„unverantwortlich“,
„möglicherweise jugendgefährdend“
und „politisch brisant“.
Ich nenne es meine Homepage,
einen Ausdruck meiner Gewalterfahrungen,
meiner Sozialisation,
meiner Gedanken- und Gefühlswelt,
und ich?
Mittendrin, mundtot und machtlos –
meine Kreativität hält inne,
mein Schaffen stoppt, Protest pausiert
Ich liege brach
und fühle mich beschissen dabei,
warum darf ich nicht so sein?

Fühle mich wie ein Außerirdischer,
den die Menschen fürchten,
meine Sprache versteht niemand.
Damit sie mich nicht länger fürchten müssen,
verbannen sie mich dazu,
unter der Wasseroberfläche eines Sees zu leben.
Damit ich überleben kann,
breche ich mir ein Schilfrohr ab,
schiebe es nach oben,
bis der Halm aus dem Wasser ragt,
und atme damit die Luft
oberhalb der Seeoberfläche ein.

So bin ich unauffällig, denke ich,
niemand muss mich mehr fürchten.
Doch ich habe die Rechnung
ohne die Menschen gemacht.
Sie entdecken das Schilfrohr,
das aus dem See herausguckt und denken:
Das geht aber nicht!

Sie nehmen ein Messer,
springen in den See
und schneiden meinen Strohhalm
unterhalb der Wasseroberfläche ab.
Dann verlassen sie johlend den See.
Und ich sterbe.
Ich habe das Gefühl,
ich kriege keine Luft mehr
und sterbe langsam,
langsam aber unaufhaltsam,
wie eine Blume ohne Wasser.
Mir wird schwer ums Herz,
alles dunkel, alles schwarz,
Traurigkeit bricht sich Bahn
und macht sich breit.

Der große Lothar muss an den
kleinen Lothar denken:
Todesangst musste er einst haben,
und auch mein außerirdischer Freund
im See hat Todesangst.
Ich verstehe nicht,
warum sie uns nicht einfach leben lassen:
Den kleinen Lothar, den großen Lothar
und ihren außerirdischen Freund.
Ich verstehe es einfach nicht.
Kann mir das jemand erklären?
Warum erklärt mir das niemand?
Es könnte sein,
dass sie es selbst nicht wissen.
Aber woher wollen sie dann wissen,
dass ich falsch bin?

ls.

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