Meine Texte zum Nachlesen:

Mittsommernacht


Du sitzt neben mir, ganz still, ganz dicht
die Arme um die Knie geschlungen,
wartest Du auf die Zeit,
ich mache mir so meine Gedanken
und erhasche mich dabei,
wie ich dann doch ab und zu versuche,
den Augenblick zu genießen,
den Augenblick mit Dir, neben Dir
es ist August, ein warmer Sommerabend,
der Tag war schwül und ist es noch,
Tage wie dieser versprechen nur abends
frische Luft und atembare Kühle
Der Himmel ist klar,
die ersten Sterne warten noch auf sich,
heute wird es Vollmond geben.
Kinder spielen am Wasser und kreischen in den Wind.
Du nimmst meine Hand und streichelst
mit Deinem Daumen sanft meinen Handrücken.
Ich schließe die Augen, werde ganz ruhig.
Vor meinem inneren Auge sehe ich die Sterne
einen Kreis um den Mond bilden
und anfangen zu tanzen.
Ich spüre Deinen Daumen, mein Mond lächelt.
„Komm, ich zeig Dir was“, höre ich Dich flüstern.
„Was?“, höre ich mich zurückfragen.
„Pssst“, höre ich Dich wieder,
„nicht fragen und nichts mehr sagen, okay?“
Ich nicke, habe die Augen noch immer geschlossen.
Dann spüre ich, wie Deine Hand die meine ergreift
und daran zieht. Ich öffne die Augen.
Du gebietest mir, aufzustehen.
Dein Finger legt sich über Deine Lippen,
um mich daran zu erinnern,
dass ich schweigen soll.
Wir stehen auf, und als Du die Decke
in Deinem Rucksack verstaut hast,
ziehen wir unsere Schuhe an
und schwingen uns auf unsere Fahrräder.
Du gibst die Richtung vor, ich folge Dir,
nicht blind, aber schweigend.
Wir verlassen den Park.
Allmählich lässt die Hitze etwas nach. Noch ist es hell.
Wir fahren durch den nahe gelegenen Wald.
Die Strecken kenne ich alle seit langem.
Es geht langsam bergauf.
Bestimmt fahren wir auf die Spitze, denke ich.
Dann kurz vor der Spitze die letzte Gabelung,
die rechts die Anhöhe ausschildert.
Zu meiner Verwunderung fahren wir links ab.
Diesen Weg bin ich noch nie gefahren.
Ich beschließe, mich jetzt bewusst
in unbekanntes Land entführen zu lassen und Dir zu folgen.
Der Weg wird schmaler, unwegsamer.
Nach einer halben Stunde kommen wir
an eine kleine Lichtung. Der Weg endet hier.
Wir steigen ab und ketten unsere Fahrräder an einen Baum.
Dann signalisierst Du mir, Dir zu folgen.
Ich muss erst mal verschnaufen,
dann nehme ich einen Schluck Wasser aus meiner Flasche.
Danach folge ich Dir.
Wir gehen an zwei großen Fichten vorbei,
mitten durch den Wald.
Nach kurzer Zeit sehe ich einen großen Felsen
mit vielen Höhlungen.
Als wir näher darauf zugehen, sehe ich,
dass manche Höhlen so groß sind,
dass man dort hinein gehen kann.
Du nimmst meine Hand und wir gehen
in eine der großen Höhlen.
Ich wundere mich, dass sie gar nicht finster ist,
obwohl es jetzt draußen langsam dunkel wird.
Nach wenigen Metern sehe ich einen Durchgang
und weiter hinten den Himmel.
Wir gehen hindurch und befinden uns
auf einer kleinen Wiese, einer kleinen Ebene
auf einem Plateau des Felsen.
Von hier aus können wir das ganze Tal überblicken.
Es ist wunderschön hier.
Rechts im Hintergrund sehe ich einige Häuser.
Das muss das Dorf sein, an dessen Weiher wir gesessen haben.
Es ist ganz still und noch immer warm,
obwohl die ersten Sterne bereits leuchten.
Das Nachglühen der Sonne schenkt uns
das letzte Licht des Tages.
Du öffnest Deinen Rucksack
und breitest erneut die Decke aus.
Dann streifst Du Deine Schuhe aus
und kramst in Deinem Rucksack herum.
Zu meinem Erstaunen holst Du eine alte Schale
und eine dicke Kerze hervor.
Als die Kerze inmitten der Schale auf der Decke brennt,
setzt Du Dich auf die Decke und gibst mir zu verstehen,
dass ich auch Platz nehmen soll.
Ich ziehe meine Schuhe aus
und setze mich Dir gegenüber.
Wir schauen uns an, Du lächelst, ich lächele zurück.
Einen Moment lang schweigen wir der Zeit hinterher.
Inzwischen ist auch der Mond gut zu sehen,
sowie zahlreiche Sterne.
Dann, auf einmal, stehst Du wortlos auf
und ziehst Dein Top und Deinen Rock aus.
Zu meiner Überraschung hast Du nichts mehr drunter,
und als die beiden Kleidungsstücke im Gras liegen,
bist Du vollkommen nackt.
Ich schaue Dich an, lange, und entdecke
Deine Schönheit wieder aufs Neue.
Dann überlege ich, ob Du mit mir schlafen möchtest,
aber ich wage nicht zu fragen, und so warte ich ab.
Du setzt Dich neben mich und beginnst langsam,
mich ebenfalls auszuziehen.
Nach wenigen Momenten sitz ich ebenso
völlig nackt auf der Decke neben Dir.
Wir schauen ins Tal.
Der Wind streicht warm um uns,
um unsere Körper, um den großen Felsen hinter uns,
und ich glaube, Wölfe zu hören.
Ich drehe mich zu Dir, lächele Dich an
und küsse Dich auf die Lippen.
Ein Schauer durchfährt mich.
So nah habe ich mich Dir noch nie gefühlt.
Die kleine Wiese unter uns,
vor uns der Abgrund und das Tal,
hinter uns der beschützende Felsen,
mit uns all die Tiere und Pflanzen,
und über uns der Nachthimmel mit dem Mond
und all den tanzenden Sternen – wunderschön!
Ich bin zuhause, bei Dir – und bei mir, dann denke ich:
Das ist es, das ist alles, was ich brauche:
Dich und diese Mittsommernacht!
Vor Glück beginne ich zu weinen,
leise kullern ein paar Tränen über meine Wangen.
Du nimmst meine Hand und wieder streichelt
Dein Daumen zärtlich meinen Handrücken.
Ich lächele Dich wieder an, schaue hinauf in den Himmel.
Noch immer tanzen die Sterne im Kreis um den Mond.
Und als ich ganz genau hinsehe, kann ich erkennen,
wie auch der Mond begonnen hat,
mit den Sternen im Rhythmus zu tanzen.

ls.

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