Meine Texte zum Nachlesen:

Meine Familie, Teil I: Wut


Bodenlose Traurigkeit mischt sich
mit himmelhoch jauchzenden Glücksgefühlen –
ich fühle mich zwischen beiden Extremen,
zwischen allen Stühlen,
was ich heute erleben durfte –
unbeschreiblich, fast unglaublich,
ich bin fasziniert von mir,
meinem Körper, meiner Seele, meinem Geist,
meinem endlosen Wissen,
mein Körper hat all das gespeichert,
unvorstellbar und doch wahr,
mein Körper und meine Seele als
kosmische Fundgrube meiner selbst,
meiner Familie und meiner Ahnenreihe,
ich spüre meinen Stolz und meine Dankbarkeit,
ich bin gerade sehr, sehr glücklich und zufrieden,
auch wenn ich heute viele schlimme Dinge erfahren habe:
Mein Vater hat mich lange Zeit missbraucht,
mit drei, mit fünf und mit zehn Jahren
müssen Dinge vorgefallen sein,
die schlimm für mich waren.
Wer weiß, was dazwischen geschehen ist?
Seine Lust auf Sex war größer,
als die Lust meiner Mutter…
…da hat er mich genommen.
Die Familie meines Vaters hat es in sich:
Meine Oma war fleißig,
hat alle versorgt,
ihren Mann, meinen Opa,
ihren Sohn, meinen Vater,
sie war unendlich wütend auf ihren Mann
und konnte diese Wut bei niemandem ausdrücken,
nirgendwo lassen,
sie hat meinen Vater sicherlich geliebt,
vielleicht zu sehr,
sie hat ihn verhätschelt und getätschelt,
wahrscheinlich war sie auf ihn fixiert,
weil sie ihren Mann nicht mochte.
Beide haben meine Mutter abgelehnt,
es ihr schwer gemacht.
Immer wieder musste sie gegen die beiden ankämpfen,
und auch gegen meinen Vater.
Und ich?
Ich sicherlich auch,
zumindest gegen meinen Vater und seinen Vater.
Nach seinem Tod kam seine Seele
in meinen Körper gekrochen
und hat sich dort breit gemacht.
Verschwinde! Geh weg!
Verlass meinen Körper
und gehe in das Reich der Toten,
dorthin, wo Du hingehörst.
Du gehörst nicht zu mir.
Ich verabschiede Dich jetzt, Opa Ferdinand,
mach’s gut und lebe wohl!
Lass mich Frieden finden vor Dir,
und finde auch Du Deinen Frieden.
Immerhin hast Du Deinen Sohn
nicht auch missbraucht,
das weiß ich jetzt.
Aber es ist genug passiert,
mit mir, mit all den anderen.
Mein Gefühl ist die Wut, die in mir tobt,
die Wut meiner Oma,
ihre Wut meinem Opa gegenüber,
sie tobt bis heute in mir weiter,
und ich frage mich:
Was habe ich mit der Wut meiner Oma zu tun?
Ich möchte sie loslassen,
sie beide, meine Oma und auch ihre Wut,
und ich werde mich von beiden befreien,
das weiß ich jetzt,
das spüre ich genau.
Ich werde sie jetzt loslassen und frei sein,
frei und wehrhaft und stark.
Ich werde mich jetzt wehren,
wenn mir etwas nicht passt.
Ich bin unendlich stark,
und es gibt nichts,
was mich klein kriegt.
Ich bin groß und stark,
erwachsen und mutig,
der große und der kleine Lothar
werden besser zusammen arbeiten,
als jemals zuvor.
Nichts und niemand kann dieses Team bezwingen.
Und ich kann wahrhaftig stolz sein auf das,
was ich erreicht habe,
insbesondere auch auf das,
was ich heute erreicht habe.
Und die Wut, die mich einst bannte,
wird von nun an frei sein…

ls.

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