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Mein Lebensweg


Mit diesem Brief schildere ich Dir meinen Lebensweg, so, wie er sich für mich aus heutiger Sicht darstellt.

Am 15. Februar 1968 wurde ich in Kassel geboren. Heute bin ich 33 Jahre alt. Ich war das erste Kind meiner stolzen Eltern. Mein Vater –damals 29 Jahre alt– war Lehrer und vermutlich schon zu dem Zeitpunkt Alkoholiker. Meine Mutter, 28, beendete gerade ihre Ausbildung zur Lehrerin. Meine Eltern waren gebildet und intelligent, warmherzig und liebevoll.
Wahrscheinlich begann mein Vater, mich zwischen meinem nullten und zweiten Lebensjahr sexuell zu missbrauchen. Wie lange dieser sexuelle Missbrauch gedauert hat, kann ich heute nicht genau sagen. Vermutlich hat er vor meiner Einschulung aufgehört. Der seelische Missbrauch und unsere kranke Familienkonstellation haben etwa bis zu meinem 15. Lebensjahr angedauert. Erst dann konnte ich mich langsam befreien.

Mein Bruder wurde geboren, als ich zweieinhalb Jahre alt war. Meine früheste Erinnerung reicht bis zu diesem Tag zurück. Früher habe ich oft vermutet, dass mein Missbrauch nur bis dahin lief, weil sich mein Bruder und ich von da an ein Zimmer teilten. Heute glaube ich das nicht mehr. Jedenfalls begann ich mit sechs Jahren, seltsame Fratzen zu schneiden und meinen Eltern die Zunge herauszustrecken. Zu dem Zeitpunkt hatten sich meine Eltern dazu entschlossen, mit uns einen vierjährigen Auslandsaufenthalt zu machen: Wir flogen 1974 nach Afghanistan. In den folgenden vier Jahren nahmen meine Grimassen mal zu, mal ab. Ich begann, meinen Kopf zu schütteln. Als wir 1978 zurück nach Deutschland kehrten, hatte ich bereits mit zehn Jahren die Welt gesehen: Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal, Sikkim, Ladakh und Bhutan hatten wir mehrfach bereist. In Deutschland wurde ich dann ins Gymnasium eingeschult. Inzwischen nahmen meine Grimassen zu, mein Kopf ruckte oft unwillkürlich hin und her. Meine Arme flippten nach links und nach rechts. Ich war auffällig.

Mit den Auffälligkeiten begannen auch die Hänseleien. Beide nahmen im Laufe der Zeit immer mehr zu. Mit 13, 14 Jahren begann ich, kleine, kurze Laute auszustoßen. Manchmal waren es ganze Worte. Ich bekam immer mehr das Gefühl, mich und meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Zudem quälten mich zwanghafte sexuelle Phantasien, in denen ich Mitschülerinnen unterwarf.
Meine Eltern rannten mit mir von einem Arzt zum nächsten. Aussichtslos! Mit 15 Jahren machte ich zum ersten Mal eine stationäre Therapie. Am Ende dieser drei Monate waren sämtliche Tics wie verschwunden. Doch nach wenigen Wochen zuhause war alles wieder da: Zucken mit den Armen, Kopfschütteln, Grimassenschneiden, Schulternhochziehen, Blinzeln, Grunzen, Quieken, Spucken, Schreien, Worte wiederholen u.a.m. Die Schule war ein Spießrutenlauf. Meine Eltern und ich waren ratlos. Drei Jahre später –sämtliche Tics hatten sich langsam aber stetig gesteigert– machte ich eine weitere stationäre Therapie. Hier wurde –zwölf Jahre nach Beginn dieser Odyssee– die Diagnose gestellt: schweres Tourette-Syndrom. Wir alle wussten damit wenig anzufangen, doch hatte das Kind jetzt wenigstens einen Namen.

Trotz schwerer Symptomatik meisterte ich die Schule gut: Das Abitur stand vor der Tür. Massive, tagelange Kopfschmerzen, die mich seit der Rückkehr nach Deutschland verfolgten, plagten mich nun seit einiger Zeit nicht mehr. Auch nach meinem zweiten stationären Aufenthalt in der Psychosomatik begann ich wieder eine Therapie. Die sexuelle Gewalt im Kindesalter hatte ich seit damals gut verdrängt, nicht jedoch die gespannte Beziehung zu meinem Vater, die mit der Pubertät immer schlimmer wurde. So begann ich, mich und meine Familie näher zu betrachten. Langsam begann ich, mir meine Behinderung, das Tourette-Syndrom näher anzuschauen.
Inzwischen hatte ich das Abitur hinter mir und war dabei, in Kassel Sozialarbeit zu studieren. Bereits seit zehn Jahren sehnte ich mich nach einer Freundin. Meine zwanghaften sexuellen Phantasien, in denen ich Frauen unterwarf, steigerten sich ebenfalls. Mit 22 Jahren war es dann soweit: Ich entdeckte, dass mein Vater mich als Kind sexuell missbraucht hatte. Eine unendliche Erleichterung trat ein. Ich hatte plötzlich eine Erklärung für meine Symptome gefunden.

Kurz danach begann ich, allen möglichen Leuten davon zu erzählen; es war wie eine Befreiung. Meine Eltern hatten sich vier Jahre zuvor getrennt. Ich lebte seither bei meiner Mutter. Nachdem Abitur verbrachte ich drei Wochen in einer neurologischen Klinik. Anschließend zog ich wieder zu meinem Vater, weil die Nachbarn in den Wohnungen neben uns sich ständig über meinen Lärm beschwerten. Das Tourette verstärkte sich dadurch noch.
Ich begann –wie gesagt– mit 20 mein Studium. An der Uni war ich ein bunter Hund. Die Beziehung zu meinem Vater verschlechterte sich zusehends. Nachdem ich meinen Missbrauch aufgedeckt hatte, schwor ich mir, ihm von dieser Entdeckung niemals zu erzählen: Er sollte nicht wissen, warum ich ihn seit Jahren hasste (ich wusste es selbst erst seit kurzem) und ich befürchtete, dass er alles leugnen würde. Diese Chance sollte er erst gar nicht bekommen! Unbewusst inszenierte ich einen langen Psychoterror gegen meinen Vater, bis er schließlich mit 53 Jahren aufgab und auszog. Anschließend zog meine Mutter wieder in unser Haus ein.

Ein halbes Jahr, nachdem mein Stressfaktor „Vater“ weg war, hatte ich meine erste Freundin. Ich war 24 Jahre alt und mein Tourette nahm weiter zu.
Heute bin ich –wie gesagt– 33 Jahre alt. Ich lebe nicht mehr bei meiner Mutter in Kassel, sondern bereits seit fünf Jahren in Mainz. Dies ist nur dadurch möglich, weil ich seit fast sieben Jahren starke Medikamente nehme, die die Symptome meiner Erkrankung unterdrücken. Und auch erst seit dieser Zeit erfahre ich konkrete Hilfe im Umgang mit meiner schweren chronischen Erkrankung. Die Symptome des Tourette und auch die starken Kopfschmerzen in meiner Jugendzeit sind verschwunden, zumindest weitgehend. Die sexuellen Phantasien, in denen ich andere Menschen –vor allem Frauen– dominiere und demütige, sind geblieben. Ich komme eigentlich nur noch über solche Phantasien und über den Konsum von Pornographie zum Orgasmus. Auf der einen Seite macht mich das traurig, auf der anderen Seite versuche ich, damit umzugehen und diese Tatsache vorläufig zu akzeptieren. Nach mittlerweile vier gescheiterten Beziehungen zu Frauen, bei denen auch Sex eine wichtige Rolle gespielt hat, versuche ich, eine mögliche nächste Beziehung zu einer Frau oder einem Mann ohne Geschlechtsverkehr zu gestalten. Ich habe mich bisher dabei nie wirklich fallen lassen können.
Ich sehne mich sehr nach Nähe, Wärme, Zärtlichkeit und Erotik, aber Geschlechtsverkehr im engeren Sinne ist für mich eine Katastrophe. Wie schon gesagt, mittlerweile möchte ich auch mal eine Beziehung zu einem Mann ausprobieren, denn häufig fühle ich mich von beiden Geschlechtern angezogen. Bis zu meinem 32sten Lebensjahr war ich, seit ich 15 war, mehr oder weniger ständig in therapeutischer Behandlung. Seit einem halben Jahr versuche ich, ohne auszukommen...

Auf drei Dinge in meinem Leben bin ich wahnsinnig stolz:

Dass ich es geschafft habe, meinen Missbrauch zu überleben und zu vergessen,
dass ich ihn mit 22 selbst wieder aufgedeckt habe, und
dass ich mit 29 mein Diplom als Sozialarbeiter machen konnte, wobei meine Diplomarbeit sich auch noch mit den Folgen sexueller Gewalt beschäftigte.

ls.

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