Meine Texte zum Nachlesen:

Liebe Mutti


Mainz, Kassel, 20.11.98


Liebe Mutti,

heute hast Du Geburtstag, Du wirst –glaube ich– 58 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag, ich wünsche Dir alles, alles Gute, und dass nicht nur dieser Tag so verlaufen möge, wie Du Dir das wünschst. Ich hoffe, es geht Dir gut und Du feierst schön mit den Leuten, die Dir Gutes tun, 58 Jahre sind eine lange Zeit und Du hast schon viel erlebt.
Wenn Du diese Zeilen liest, dann schlafe ich entweder noch (morgens), oder ich habe die längste Zeit meines Arbeitstages bereits hinter mir – je nach dem.

Zu Deinem Geburtstag möchte ich Dir diesmal diesen Brief schreiben. Ich habe mir überlegt, dass ich diesen Brief nutzen möchte, um mich bei Dir einmal zu bedanken. Ich möchte mich bei Dir bedanken für all die Sachen, die Du in meinem Leben für mich getan hast. Ich finde es schön, dass Du den Mut hattest, Kinder zu bekommen, ich habe diesen Mut bis heute zumindest noch nicht. Aber wer weiß, was noch wird. Jedenfalls hast Du uns (meinen Bruder und mich) immer gehegt und gepflegt, und Du hast uns immer lieb gehabt. Aus meinem Empfinden heraus kann ich sagen: Du hast uns beide immer gleichlieb gehabt, Du hast nie einen von uns vorgezogen oder bei irgendwas bevorzugt. Dazu gehört viel Mut, Kraft und Stärke.

Den sexuellen Missbrauch durch den Alten an mir konntest Du nicht verhindern, das weiß ich heute. Sonst hättest Du es getan, auch das weiß ich heute. Vielleicht hättest Du gewisse kindlich Signale oder später auch Teile des Tourette als Anzeichen für eine Störung oder Unstimmigkeit in meinem Leben wahrnehmen können, aber das sind für mich heute Peanuts. Wer hätte denn in der Zeit schon an sexuellen Missbrauch gedacht? Es war ja überhaupt kein Thema damals! Ich kann und will Dir deshalb diesbezüglich keine Vorwürfe machen – im Gegenteil: Ich möchte Dir für Deine Kraft und Stärke und Liebe danken, die Du mir gegeben hast – ohne sie hätte ich nicht überlebt, auch das weiß ich heute.

Ich möchte Dir danken für vier wunderschöne Jahre in Afghanistan. Diese Zeit und diese Eindrücke werde ich nie vergessen. Das war für mich vielleicht die erste unbeschwerte Zeit meines Lebens, eine Zeit, in der ich meine Kindheit und mein Kindsein so richtig leben, erleben, ausleben, genießen konnte. Toben, spielen, schwimmen, im Sandkasten Burgen bauen, Freunde haben; all das ist da möglich gewesen. Ich glaube, hier wurden –auch angesichts des Elends um mich herum in Afghanistan, aber auch in Indien und Nepal– Grundsteine für mein Sozialverhalten als Kind und mein heutiges soziales und politisches Engagement gelegt. Ich finde es gut, wichtig und richtig, sich sozial und politisch zu engagieren, und das tue ich ja mit meiner Arbeit und meinem Beruf auch. Danke, dass Du mich darin immer gestützt und bestärkt hast.

Danken möchte ich Dir auch für die sich daran anschließenden langen Jahre, in denen ich sehr unsicher war, weil das Tourette immer stärker und verwirrender wurde, vermutlich auch deshalb, weil meine Auseinandersetzung mit mir und dem Alten begann. Ich musste lernen, mich von ihm zu distanzieren, ich glaube, ich wäre sonst gestorben. Es war unheimlich wichtig für mich, bei dieser langen, schmerzvollen Erfahrung in Dir immer jemanden zu haben, die mir Trost und Kraft spenden konnte, wenn ich sie gebraucht habe. Vor allem die schwere Zeit des Tourette in meiner Jugend, aber auch die zunehmend schwierige Zeit der Auseinandersetzung mit dem Alten in meinem jungen Erwachsenenalter habe ich mit Dir ganz gut durch- und überstanden.
Verstehen konnten wir das Tourette beide nicht, aber Du hast deswegen nie an mir gezweifelt, mich verachtet oder Dich für mich geschämt. Du hast mir geholfen, damit umzugehen, hast mich getröstet, wenn es mir damit schlecht ging, und Du hast es nicht auf sich beruhen lassen. Du hast Dir Sorgen gemacht, hast Dich gefragt, was das sein könnte, was dahinter steckt. Dank Dir bin ich nach Bad Zwesten gekommen, wo ich wertvolle Dinge über mich selbst erfahren habe, auch wenn das Tourette so nicht verschwand. Und Du hast mir auch später bei der Suche nach Ärzten und Therapeuten geholfen, hast mir geholfen zu lernen, mich um mich selbst zu kümmern. Und dann irgendwann hast Du etwas ganz Entscheidendes in meinem und Deinem Leben getan: Du hattest endlich den Mut und die Kraft, Dich von dem Alten zu trennen. Das war für mich extrem wichtig: Du hast mir so den Raum gegeben, über mein eigenes Leben nachzudenken, in ausreichender Distanz zum Alten. Und diese Distanz – so glaube ich heute– war notwendig, um zu der Entscheidung zu gelangen, den letzten, entscheidenden Kampf mit dem Alten noch einmal aufzunehmen: Ich zog wieder zurück nach Ihringshausen. Du hast mir geholfen, das Dach auszubauen, hast mir geholfen, dort, im Reich des Löwen, eine eigene kleine Höhle zu bauen. Eigentlich hast Du mich immer in meinen eigenen Entscheidungen unterstützt. Dafür möchte ich Dir auch noch mal danken. Du hast darauf vertraut, dass ich selbst weiß, was gut für mich ist.

Dann begann die Auseinandersetzung mit dem Alten erst so richtig, und sie endete (vorläufig) mit dem wichtigsten Erlebnis in meinem Leben: der Aufdeckung des Missbrauchs. Danke, dass Du den Mut hattest, mir zuzuhören und auch zu glauben, dass das so war, als ich Dir davon erzählte. Ich weiß, es war ein ziemlicher Schock für Dich, aber Du hast mir geglaubt. Mittlerweile hatte ich begonnen, Sozialarbeit zu studieren, auch dazu hast Du mich ermutigt, nachdem das mit der Aufnahmeprüfung für „Visuelle Kommunikation“ nicht geklappt hat. Du und mein Bruder, ihr zusammen habt die sicherlich nicht einfache Zeit durchstanden, in der ich begann, mich als Behinderter zu begreifen. Gleichzeitig fand ich den Mut, privat und öffentlich mehr von meinem Tourette zu zeigen.

Der Alte zog endlich aus: Er war mittlerweile wahrscheinlich genervter von mir, als ich von ihm. Das war gut so! Dann lernte ich Lisa kennen, und Du freutest Dich mit mir. Diese Zeit hat mir sehr gut getan, wenn sie auch schwierig war. Besonders das Tourette nahm kontinuierlich an Stärke zu – auch wegen der stressigen Situation im ABeR. Dann trennte sich Lisa von mir, und ich lernte Petra kennen. Diese Zeit war sicher auch nicht leicht, nicht nur, weil Petras Mutter so schwierig war, sondern auch Petra selbst. Unsere Beziehung war nie einfach, auch wenn es –und gerade am Anfang– viele schöne Momente und Seiten gab. Aber das Tourette wurde immer unausstehlicher und Du konntest schon lange nicht mehr ruhig schlafen. In der Zeit ging es mir eigentlich sehr schlecht. Nachdem ich dann die Medikamente probierte, ging es mir viel besser. Was war ich froh, als ich wusste, dass Du aber wenigstens wieder einigermaßen schlafen konntest. Allerdings verschlechterte sich meine Beziehung zu Petra zunehmend. Auch hier hast Du mir Rückhalt gegeben, mich unterstützt und unsere Beziehung kritisch betrachtet. Auch wenn ich mich letztlich immer für die Beziehung zu Petra entschieden habe, hast Du das akzeptiert. Heute weiß ich, dass meine Beziehung zu Petra nur „funktioniert“, wenn wir beide ein gewisses Maß an Distanz zwischen uns aufrechterhalten – eine intensive bis intime Freundschaft sozusagen, auf jeden Fall etwas Besonderes. Außer meiner Familie habe ich glaube ich noch nie einen Menschen so gut gekannt wie Petra. Auch das ist was Schönes.

Mit meinem Umzug nach Mainz hat sich für mich vieles verändert. Auch wenn Du so Deine Bedenken hattest, hast Du mir doch auch Mut gemacht und mich bei diesem Schritt unterstützt. Seither sehen wir uns natürlich nur noch selten, aber ich finde es schön, dass wir uns manchmal gegenseitig besuchen. Inzwischen habe ich auch mein Studium beendet. Das war nicht nur langwierig, sondern auch schwierig, einerseits, weil ich mir sicherlich nicht gerade ein einfaches Thema für’s Diplom gesucht habe, andererseits, weil ich nebenher privat immer viele Probleme hatte, die ich bewältigen wollte und musste. Auch hier hast Du mich stets unterstützt und mich angespornt, weiterzumachen. Dank Deiner finanziellen Unterstützung für die Recherche der Arbeit habe ich dann letztlich auch ein hervorragendes Diplom gemacht.

Leider wurde die Zeit danach nicht leichter für mich, weil meine Schwierigkeiten mit Petra zunahmen. Auch Deine Bemühungen, mich zur Uni Mainz zu schicken, waren in dieser Zeit nicht von Erfolg gekrönt – ehrlich gesagt hast Du mich manchmal damit etwas genervt, aber letztlich hast Du ja wieder nur versucht, mir den Rücken zu stärken und Mut zu machen, mich um einen Job zu kümmern.

Als ich dann die ABM beim ZsL bekam, haben wir uns natürlich beide sehr gefreut. Nebenbei habe ich noch meinen Führerschein gemacht, auch das dauerte länger, war aber letztlich erfolgreich. Im Juli bin ich dann in meine erste eigene Wohnung gezogen, ich glaube, Du warst nicht nur froh, sondern auch stolz, genau wie ich. So konntest Du es Dir natürlich nicht nehmen lassen, mir mehr oder weniger die ganze Wohnungseinrichtung zu bezahlen; Du bist schon verrückt, weißt Du das? Naja, den Rest kennst Du…

…das bisherige kennst Du ja auch, aber vielleicht noch nicht so aus dieser Perspektive des mittlerweile erwachsenen Sohnes, der Dir für all das, was Du für ihn getan hast, nochmal umfassend Danke sagen möchte. Ich glaube, ich habe mich noch nie so richtig für all das bedankt, und ich dachte, es ist mal an der Zeit.

Ja, jetzt ist so ziemlich alles gesagt… Du bist einfach eine tolle Mutter, ich bewundere immer wieder Deine Kraft und Stärke, auch, wie Du Dich für die Kinder einsetzt, unglaublich…

…sagen möchte ich Dir noch, dass ich Dir dafür danken möchte, dass Du Dich, auch wenn vielleicht eher ich das Sorgenkind in unserer Familie war, immer auch gleichviel um Deinen zweiten Sohn gekümmert hast, das finde ich unheimlich gut…

Danke noch mal dafür, dass Du bist, wie Du bist, bleib so!

In Liebe, Lothar

ls.

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