Meine Texte zum Nachlesen:

Geschichte von der besonderen Drei


Die Geschichte von der besonderen Drei

Es war einmal ein kleines Mädchen. Das hieß Janina und ging noch in die Schule. Jeden Tag ging es mit vielen anderen Mädchen und Jungen in diese Schule, und die Schule machte ihr viel Spaß. Sie war eine sehr gute und neugierige Schülerin, und sie war sehr fleißig. Sie war so fleißig, dass sie immer tolle Noten bekam. Aber eines Tages passierte etwas Furchtbares:

Janina saß in ihrer Klasse und der Lehrer sagte: „Heute gebe ich Euch Eure Mathematikarbeit wieder, die ich am Wochenende korrigiert habe.“ Alle Schülerinnen und Schüler freuten sich, waren sie doch überaus neugierig, welche Noten sie bekommen hatten. Auch Janina freute sich sehr. Sie schrieb bei Mathearbeiten immer nur Zweien und war eine der besten Schülerinnen in der ganzen Klasse. Langsam blätterte sie das Mathearbeitsheft auf, Seite für Seite. Doch als sie an der letzten Seite angekommen war, erschrak sie: Da stand eine dicke rote Drei plus! Das konnte nicht sein! Das war unmöglich! Janina stutze. Das war sicher das falsche Heft. Sie schaute auf den Umschlag, aber da stand ihr Name, den sie selbst geschrieben hatte: JANINA. Wieder blätterte sie vor bis zur letzten beschriebenen Seite, in der Hoffnung aus der Drei sei jetzt eine Zwei geworden, aber vergeblich. Noch immer stand da die dicke rote Drei plus. Das Plus konnte sie jedoch überhaupt nicht trösten. In Janinas Augen stiegen die Tränen auf. Was war passiert? Sie verstand die Welt nicht mehr!

Plötzlich sprang sie auf, rannte ohne Heft und Ranzen aus der Klasse und den Gang hinunter. Sie stieß die Tür zum Schulgebäude auf und lief über den Pausenhof, rannte durch das Tor, die Straße hinunter, immer weiter. Sie lief durch das ganze Dorf, die Wiesen und den Bach entlang bis zu dem kleinen Wäldchen, das in der Nähe lag. Sie rannte in den Wald hinein, immer tiefer, bis sie an eine kleine Lichtung kam. Völlig erschöpft hielt sie inne, ließ sich in die Wiese fallen und begann zu weinen. Sie weinte so bitterlich, dass die Vögel um sie herum aufhörten, zu zwitschern. Die Eichhörnchen hörten auf, Nahrung für den Winter zu sammeln und selbst die Hasen unterbrachen ihr Gehoppel und die Rangeleien in den Büschen. Dann war es im Wald ganz still. Nur Janinas lautes Schluchzen war noch zu hören.

Auf einmal stand eine kleine Elfe neben der weinenden Janina und sah sie vorsichtig an. Sie fragte: „Hallo, wer bist Du?“ Janina schluchzte ihren Namen heraus, ohne aufzusehen. Die Elfe setzte sich neben sie ins Gras. Dann fragte sie: „Warum bist Du denn so traurig, Janina?“ Erst jetzt hörte Janina langsam auf zu weinen, setzte sich auf und wischte sich die Tränen ab. Dann erzählte sie der Elfe von der hässlichen, dicken roten Drei in ihrem Matheheft. Das Plus erwähnte sie gar nicht.

Die Elfe überlegte einen Augenblick, dann fragte sie: „Was schreibst Du denn sonst für Noten?“ Janina begann wieder zu schluchzen. Unter Tränen antwortete sie: „Sonst habe ich immer Zweien…“, und ergänzte nach einer Weile: „…ich bin nämlich eine der besten in der Klasse!“ Die Elfe fragte vorsichtig weiter: „Wenn Du eine der besten bist, dann hast Du doch bestimmt schon oft eine Eins geschrieben, oder?“ Janina schüttelte den Kopf. „Warum nicht?“ wollte die Elfe wissen. „Unser Lehrer gibt keine Einsen. Noch nie hat jemand eine Eins in Mathematik bekommen. Ich weiß auch nicht, warum.“ Die Elfe überlegte einen Augenblick. Dann sagte sie: „Janina, ich glaube ich weiß, warum Dein Lehrer keine Einsen gibt, auch wenn Du alles richtig machst…“ – „Warum?“ fragte Janina neugierig. „Pass auf!“ gab die Elfe zu verstehen, „ich erkläre es Dir. Mathematiklehrer sind meist sehr streng, und sie denken, dass sie immer alles richtig machen. Sie halten sich für unfehlbar. Und sie haben Angst vor Schülern, die auch gut rechnen können, denn die könnten ja darauf kommen, dass sich die Lehrer auch manchmal verrechnen. Und damit das niemand merkt, geben sie schlechtere Noten, damit die Schüler glauben, dass sie doch nicht so gut in Mathematik sind, wie die Lehrer. Dein Lehrer gibt zum Beispiel niemandem eine Eins, weil er Angst hat, dass die Schüler dann sehen, dass sie ebenso gut rechnen können, wie er selber. Und das würde er nicht aushalten, verstehst Du?“ – „Ja, aber eine Drei ist doch wirklich schlecht!“ meinte Janina. „Eine Drei ist überhaupt nicht schlecht!“ erwiderte die Elfe, „Dreien gibt es überall und sie sind äußerst gut!“ – „Das stimmt nicht!“ erwiderte jetzt Janina, „das glaube ich nicht. Die Drei ist eine furchtbar langweilige Zahl…“ – „Doch“, meinte die Elfe, „glaube mir!“ – „Na, gut“, meinte da Janina, „wenn Du mir drei Dinge nennen kannst, wo die Drei eine gute Zahl ist, dann will ich Dir glauben!“

Die Elfe überlegte einen Augenblick, dann begann sie zu erzählen: „Schau Dich um! Wir sitzen hier in einer schönen Wiese voller Klee. Und jetzt sage mir, wie viele Kleeblätter hat der Klee meistens?“ – „Drei“, antwortete Janina und meinte dann: „Aber besondere Kleeblätter haben vier Blätter!“ – „Ja, das stimmt!“ sagte die Elfe, „aber die Kleeblätter mit den drei Blättern sind viel wichtiger! Denn wenn es nicht so viel Klee mit drei Blättern gäbe, dann wären die Kleeblätter mit den vier Blättern auch nichts Besonderes mehr!“ Janina stutze. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht. „Und auch in Märchen und Geschichten ist die Drei eine ganz wichtige Zahl!“ betonte die Elfe weiter, „es waren die Heiligen drei Könige, die das Jesuskind in der Krippe besucht haben, es waren die drei Musketiere, die nur zu dritt stark und mutig waren, weil sie immer gemeinsam gekämpft haben. Und in jedem Märchen, in dem es Feen gibt, hast Du genau drei Wünsche frei!“ erzählte die kleine Elfe weiter. Aufmerksam lauschte Janina den Worten ihrer neuen Freundin. „Auch bei den Menschen ist die Drei eine sehr wichtige Zahl. Als Du geboren wurdest, da waren Deine Eltern zu dritt: Vater, Mutter und Kind. Erst diese drei Personen bilden eine Familie. Und das ist etwas Wunderschönes!“ gab die Elfe zu verstehen. Janina schwieg und dachte nach.

Doch die Elfe erzählte weiter: „Sogar in der Mathematik ist die Drei eine ganz besondere Zahl…“ Janina erschrak. „Lass mich mit Mathematik in Ruhe!“ brummte sie, doch die Elfe ließ sich nicht beirren. „Pass auf!“ meinte sie, „Die Drei ist die kleinste ungerade Primzahl, die es gibt. Das macht sie zu etwas Besonderem!“ Janina staunte. Die Elfe hatte Recht. „Und sage mir, Janina, wie viele Punkte brauchst Du mindestens, damit Du eine Fläche zeichnen kannst, wenn Du die Punkte mit Linien verbindest?“ fragte die Elfe sie. Janina überlegte. Dann meinte sie: „Drei! Ich brauche drei Punkte, und wenn ich die miteinander verbinde, dann habe ich ein Dreieck!“ Sie war ganz stolz auf ihre Antwort. „Ja, richtig“, sprach die Elfe, „siehst Du, die Drei ist überall eine besondere Zahl. Keine andere Zahl hat so viel Bedeutung auf der ganzen Welt wie die Drei!“ Janina strahlte. Dann meinte sie: „Liebe Elfe, Du hast Recht, die Drei ist eine ganz besondere Zahl. Eigentlich kann ich stolz darauf sein, eine so besondere Note bekommen zu haben!“ und sie lachte wieder.

Als die Tiere um sie herum sie lachen hörten, waren sie richtig erleichtert und froh darüber, dass die Elfe der kleinen Janina hatte helfen können. Vor lauter Freude begannen die Vögel wieder zu zwitschern, die Eichhörnchen sammelten weiter eifrig Tannenzapfen und Nüsse für den Winter und auch die Hasen fingen wieder an zu toben. Langsam erhob sich Janina, bedankte sich nochmal bei der kleinen Elfe und lief dann langsam zurück. Und kurz bevor sie den Wald verließ, dachte sie noch bei sich: „Und eigentlich ist es ja auch noch eine ganz, ganz besondere Drei, denn ich habe ja eine Drei plus!“

 

Für Savina, die so traurig darüber war, dass sie ihre Ausbildung nur mit einer "3+" abschließen konnte.

ls.

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