Meine Texte zum Nachlesen:

dein weg


hallo renate,
hier ist noch mal lothar, dein mitbewohner
ich habe angst, unsägliche angst um dich,
und um mich,
ich wünschte, du könntest dich entscheiden,
dich entscheiden zwischen leben und tod,
willst du weiterleben oder
willst du sterben?
die ärzte sagen, dein zustand sei im moment stabil,
stabil, was heißt das?
ist das zum leben zu wenig
und zum sterben zuviel?
theoretisch kannst du monate so weiter leben
doch es ist keine veränderung in sicht:
keine verbesserung und auch keine verschlechterung,
möchtest du leben oder
möchtest du sterben, renate?
ich wünschte, du wüsstest es!
wir wissen es nicht, ich weiß es nicht,
und ich muss zum glück auch nicht darüber entscheiden
ich weiß nicht, was ich dir wünschen soll:
das leben, vielleicht ohne hoffnung,
ohne eigene atmung, ohne kommunikation,
ohne lachen und lebendigkeit?
oder den tod, der alle hoffnung sterben lässt?
der jedes leben im keim erstickt?
ich fühle eine große traurigkeit in mir,
eine wehmut und schwere,
die mich kaum atmen lässt,
die es schwer macht, mich zu spüren,
mich und meine gefühle
ich fühle mich so ohnmächtig, hilflos und klein,
so wie der kleine lothar mit drei, vier, fünf jahren,
als sein vater groß und mächtig über ihn kam,
das alles ist lange her und vorbei,
doch die ohnmacht ist wieder da,
und mit ihr die verzweiflung,
begriffe wie verantwortung, tragik und tragödie
wandern durch mein hirn
und finden weder ihren inhalt noch einen festen platz
ich weiß nur, dass ich meinen weg in dieser situation
finden muss, so wie du deinen,
und wieder bete ich, dass du deinen weg so gehen kannst,
wie er für dich der richtige ist,
und dass auch ich meinen weg finden werde…

ls.

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