Meine Texte zum Nachlesen:

Aushalten I


Ich halte viel aus
und ich halte vieles aus –
ich bin also stark –
und darauf bin ich stolz,
darauf kann ich wirklich stolz sein:
So viel auszuhalten und so stark zu sein!
Aber manchmal habe ich das Gefühl,
ich halte das einfach nicht mehr aus!
Dann frage ich mich nichts mehr
und halte es doch wieder irgendwie aus
Das merke ich dann immer erst sehr viel später
und stelle mir dann die Frage:
Wie habe ich das nur wieder ausgehalten?
Ich fühle mich erschöpft und Traurigkeit steigt in mir hoch,
langsam,
vom Bauch durch die Brust kriecht sie langsam hinauf bis zum Hals,
wo ich sie dann als dicken Kloß spüre und keine Luft mehr kriege
Warum bin ich bereit, so vieles auszuhalten, so viel zu leiden?
Ich weiß es nicht… Vielleicht ist es,
weil ich schon früh zu spüren bekommen habe, was es heißt, zu leiden
und daran nichts ändern zu können,
weil ich schon immer viel gelitten habe,
weil ich gar nicht weiß, wie es anders sein könnte,
weil ich vielleicht gerne leide?
Vielleicht bin ich ja masochistisch? –
Irgendwie lässt mich diese Antwort nicht zufriedener werden
Ich spüre, ich möchte was ändern,
und ich fange an zu überlegen, was ich so aushalte in meinem Leben:
Kälte fällt mir ein, ständig halte ich Kälte aus,
wenn es sein muss, über Stunden…
der Stress auf der Arbeit fällt mir ein, den halte ich jetzt schon seit Monaten aus
und mit ihm die ständigen Kopfschmerzen und die körperliche Anspannung,
die sich bei mir seit jeher in stärkeren Tics meines Tourette äußert,
ich halte es aus, dass mir die Leute ständig ihr Leid klagen,
manchmal habe ich das Gefühl, ich bin schon süchtig danach,
für andere da sein zu dürfen,
letztendlich habe ich dieses Bedürfnis zu meinem Beruf gemacht
Vielleicht bin ich ja mittlerweile professionell masochistisch? –
vielleicht will ich anderen helfen, um mir nicht selbst helfen zu müssen?
Leiden kann auch bequem sein:
Es ist vertraut und ich habe immer einen guten Grund, zu jammern…
Auch diese Antwort lässt mich nicht zufriedener werden
wieder spüre ich, dass ich etwas ändern möchte
Und ich frage mich, warum ich es denn nicht einfach tue? –

Genau! Ich tue es einfach! Ja! Jaa!

Ich drehe jetzt die Heizung auf und ziehe mir einen Pullover an, wenn ich friere
Ich will versuchen, mich von Stressfaktoren auf der Arbeit mehr zu distanzieren,
und wenn ich dann trotzdem Kopfschmerzen bekomme,
dann nehme ich halt mal ne Tablette
Ich will versuchen, mir die Geschichten der Leute anzuhören,
die zu mir in die Beratung kommen und sie ernst nehmen,
aber ich darf sie nicht zu dicht an mich heranlassen,
sonst leide ich selbst mit und werde handlungsunfähig,
außerdem darf ich nicht die Verantwortung für die Probleme
der Ratsuchenden übernehmen, das würde mich nur überfordern
Und ich nehme mir fest vor,
auch mal Nein zu sagen, wenn ich einer Freundin oder einem Freund
gerade nicht zuhören mag –
Ja! Das ist es! Das ist ein guter Anfang!
Ich finde, darauf kann ich wirklich stolz sein!
Ich muss lernen, meine Grenzen früher zu spüren,
zu spüren und zu respektieren,
und sie anderen gegenüber auch deutlich zu setzen!
Und ich weiß, dass ich es kann,
ich habe gerade einen wunderbaren Anfang gemacht!

Diese Antwort macht mich zufrieden und ich nehme mir fest vor,
demnächst zu Haushalten mit dem Aushalten!

ls.

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